Martha Sommerfeld

Morgensonne

Sieh! Die Raben tragen Trauer,
Regen fällt auf den Asphalt,
Lautlos zieh`n die Wolken weiter
Und die Luft ist nass und kalt.

Endlos fahr ich durch die Straßen,
Menschenleer scheint jetzt die Stadt:
Die noch mittags draußen saßen
Sind verschwunden in der Nacht.

Einsam stehe ich am Ufer,
lustlos werf` ich Stein um Stein
 - Denk an Dich,
 - Schließ meine Augen
 - und mein Herz, das möchte schrei`n!

Denk an jenen alten Mann,
den am Wegesrand ich sah.
Zu viel der Menschen,
die ihn vergaßen,
zu viel des Glücks
zu viele Schmerzen ...
Es gibt zuviel gebroch`ne Herzen. 

Sieh! Die Raben tragen Trauer!
Tummeln sich im Regenschauer
Auf der Suche nach dem dicksten Wurm.

Ahnen nichts vom Los der Menschheit
Schattenspiel - statt Licht des Glücks.
Sind befreiter, leben heiter,
keine Ängste hinterrücks!

War zu müde, um zu denken,
müde, wie das Sonnenlicht!
Doch das die Wolken ewig halten,
glaubt ich selbst im Dunkeln nicht.

Nahtlos weicht die Nacht dem Morgen,
Regenduft umhüllt die Stadt,
Dankend seh` ich auf die Raben,
dass sich mein Herz geöffnet hat. 

Liebe muss sein Motor sein,
werfe einen letzten Stein,
kraftvoll, ohne viel Bedenken
in das Morgenrot hinein.

Wende mein Gesicht dem Licht zu,
Was da kommt? Ich weiß es nicht!
Sieh! Im dunklen Kleid der Raben,
schimmert matt das Sonnenlicht.


Martha Sommerfeld