Martha Sommerfeld
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Stummer Gruss

Liebe Lesefreunde,

es gibt Tage, an denen man durch das Datum an jemanden erinnert wird, obwohl - oder gerade weil - dieser Jemand nicht mehr aktiv am eigenen Leben teilnimmt, trotzdem aber immer noch ein bißchen da ist. Solch einen Tag habe ich heute... und wenn es nicht wäre, wie es ist, würde ich ihn vielleicht sogar anrufen oder hätte eine Karte geschrieben. Ich weiß aber, dass es besser ist, wenn wir die Distanz wahren. Dennoch habe ich heute an ihn gedacht und darum schreibe ich wenigstens hier.

Wenn ich ihm nämlich heute etwas sagen könnte, dann würde ich ihm sagen, dass unser  Urteil  verkündet wurde und Freispruch lautete. Wir waren tatsächlich zur falschen Zeit am richtigen Ort und nicht umgekehrt und darum sind wir nicht Schuld!

Wir waren beide - symbolisch gesehen - auf der "Flucht", als wir aufeinander trafen. Unsere Herzen verschmolzen, aber der Kopf war, resultierend vieler unverdauter Erfahrungen, voll von unsinnigen Schutzschildern. Sekundär konnten wir die Sicherheitssysteme überlisten und Lustwandelten auf dem Pfad der Ausgelassenheit. Doch ähnlich wie bei Cinderella, wo Gongschlag um Mitternacht der Zauber endet, schalteten sich auch bei uns nach kurzer Zeit die Kontrollscheinwerfer des Alltags wieder ein. Entkommen unmöglich! Unsere Phantasie eskortierte den Wunsch, aus den gewohnten Strukturen auszubrechen, doch unser Verstand mahnte, Glück nicht in Seifenblasen einzulagern... Wir haben uns viel angetan, aber auch viel Gutes! Alles ist für irgendetwas gut...

Zerrissen flogen wir durch die Zeit und wünschten uns so sehr Antworten auf unsere Fragen. Doch niemand anderes konnte uns diese Antworten geben, ausser wir selbst: Du für Dich und ich für mich. Unsere Liebe war nicht lebensfähig! Das zu akzeptieren fällt mir gelegentlich noch immer schwer, doch ich habe den Schmerz zugelassen und auch die Tränen!
Viele Tränen!
Doch eben nicht nur die, die mir die Erinnerungen an unsere Verrücktheiten aus den Augen trieben. Nein, mein Herzensschöner, ich hatte viel mehr Wunden, als mir bewusst war. Und wie das bei Heilungsprozessen nun mal so ist, reisst zunächst eine kleine Stelle auf. Und man denkt: Pflaster drauf und gut... Doch wenn man das Pflaster voreilig entfernen will, reisst noch mehr auf und so geht es weiter und weiter... Es zog mich hinab wie in einen Strudel. Ankämpfend gegen diesen dunklen Sog ruderte ich, schlug um mich. Doch es half mir nichts. Irgendwann riss es mich mit und wie in einer Achterbahn schleuderte ich durch meine Vergangenheit. Keine Zeit für Wut oder Hass, keine Chance zur Ignoranz. Ich fuhr frontal drauf zu! Als ich zu mir kam, saß ich mitten im Tal der Hoffnung. Um mich herum waren nur hohe Berge, zu hoch für mich. Also blieb ich dort und hielt die meiste Zeit Maulaffenfeil. Ich fühlte mich wie ein Blatt im Wind  -  ziellos, rastlos, haltlos. Mein größter Feind war die Nacht! Immer wieder die gleichen Bilder...
Eines Tages fand ich einen Stein und er hatte die Form eines Herzens. Als ich ihn aufhob und durch die Hände gleiten ließ, stach mich Meines. "Der Wert einer Sache definiert sich nicht über den Preis, sondern über den Gebrauch", trommelte es in meinem Kopf. Ich starrte das Herz an und öffnete meins. Wie von selbst schlichen sich langsam die Bilder der Nacht in meinen Tag. Ich legte einen Friedhof an und beerdigte nacheinander eine um die andere Enttäuschung. Jedes mal tränkte ich die Erde mit vielen Tränen und ließ mir Zeit, um Abschied zu nehmen. Ein Abschied für immer!
Irgendwann traf ich auch auf uns und plädierte auf Freispruch!  Wir waren nicht darauf aus, uns verlieben  zu wollen. Nur zum Zeitvertreib ging Amor - der alte Schwerenöter - an diesem Tag auf Jagd und bohrte unbeabsichtigt seine Pfeile in die Mitte unserer Herzen, verknotete uns mit einem telepathischen Band. Als es für uns kein Zurück mehr gab, offerierte er uns den Preis für die "Einigkeit in Ewigleit" und wir waren uns sicher, dass wir das irgendwie schaffen. Doch wie wir es auch drehten und wendeten, der Preis war zu diesem Zeitpunkt für uns beide zu hoch. Den Verlust verhindern wollend, fahndeten wir nach einer umsetzbaren Lösung, solange, dass es uns zerriss... und wir ließen uns los... wir ließen ab, wie die Mutter im "Kaukasischen Kreidekreis" ihr Kind loslässt... aus Liebe..."Herr Richter, wie lautet ihr Urteil!?"...

Vor einiger Zeit bin ich nun im Tal aufgebrochen. Vorbei die lethargische Gleichgültigkeit, die aus der Summe der Enttäuschungen resultierte. Enttäuschungen sind gut, weil man nur dadurch weiß, was man besser machen kann. Eines Tages laufen alle Wege zusammen und dann versteht man, wofür der Kraftaufwand gut war; man muss sich einfach nur treu bleiben und weiter laufen, immer wieder weiter laufen... IMMER WEITER...
 
Alle vermeintlichen Fehler sind hausgemacht, sind wesensbedingt. Und darum werden wir immer wieder das tun, was unser "Ich" uns vorgibt und wir tun gut daran, uns mit allen Eigenarten zu mögen: Du Dich, ich mich... Nur wer sich selbst liebt, kann auch andere lieben, sie wirklich zulassen. Perfektion ist eine Lüge!

"Jeder ist seines Glückes selber Schmied", sagt der Volksmund...
Viel Glück für die Zukunft!


Martha