Martha Sommerfeld
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Ist die Verliebtheit nur eine Illusion?

Gestern beschäftigte ich mich mit der Frage, ob die Verliebtheit vielleicht so etwas wie der Copperfield-Effekt unserer Gefühle - quasi die perfekte Täuschung ist!

Zunächst möchte ich voranstellen, dass ich wirklich von dem beflügelten Moment des glucksenden Bauchgefühls spreche, von dem plötzlichen Zusammentreffen zweier Menschen, die sich glücktaumelnd Geschichten erzählen, ausgefallen lachen und, und, und, von Menschen, die keine tiefe Verbindung zueinander pflegen, sondern an das Gefühl davor!

Ich kam darauf, weil man ja gerne sagt, dass wir alle irgendein "Beuteschema" haben. Im Fall von "Bobele" zum Beispiel sehen sich ja tatsächlich alle Freundinnen/Frauen sehr ähnlich, aber wenn ich mir meine Weggefährten mal so anschaue - hmm? Ähnlichkeiten sind da nur bedingt erkennbar. Eher im Gegenteil: ich könnte sie an anderen Dingen "bewerten". Da war der Nihilist, der Maler, der Trinker, der Herzensgute, der Schüchterne, der Prahler, der Spieler, was weiß ich... und als ich wirklich glaubte, dass es keine weitere Kategorie mehr gibt, traf ich per Liebe auf den ersten Blick - den Magier!

Ich weiß, wie verträumt unrealistisch "Liebe auf den ersten Blick" klingt. Aber es war so. Ich war auf einem Kundenevent und schüttelte pausenlos irgendwelche Händchen. Dann wehte ER vorbei und ich war wie vom Blitz getroffen. Er machte eine Kehrtwende zu unserem Tisch, Funken flogen, als sich unsere Blicke kreuzten, wir uns begrüßten; binnen des Bruchteils einer Sekunde war ich um meinen Sprachschatz beraubt, meine Knie waren weich wie Butter und in meinem Bauch strahlten 1000 Sonnen. Ich stand da wie in Wachs gegossen und konnte nichts dagegen tun. Irgendwann später übergaben wir unser Gewissen den Dämonen der Nacht und es folgten Nerven zerreißende 20 Monate. Wir flogen bis zum Mond und einmal durch die ganze Galaxie; die Milchstraße war unser Highway und der Vollmond unsere Kirchturmuhr; wir verwebten unsere Blicke in Parks, Restaurants, Cafés; erlebten Unglaubliches an hunderten Orten; unsere Körper verschmolzen miteinander, unsere Seelen knüpften ein telepathisches Band. Doch alle Magie reichte nicht, um die Ängste - entwachsen aus Kratern der Vergangenheit - zu besiegen. Zu unwahrscheinlich erschien, was Tag für Tag geschah!

Das alles ist nun schon wieder ein paar Jahre her und doch gibt es Tage, da ist es näher als alles andere. Noch immer gibt es Momente, da es mich zerreißt, wenn mich die Erinnerungen daran einholen. Eigentlich glaubt man sich weit weg von alledem, autark gegen die tausend gefühlten Momente, versteinerte, konservierte Gefühle, in den letzten Winkel des Hirns verfrachtet, folienverpackte Erinnerungen. Nichts dringt mehr aus diesen Zeiten in den Alltag ein. Doch plötzlich ist es wieder da, allgegenwärtig: PENG! - Vor Deinem inneren Auge spulen sich gnadenlos die alten Bilder ab. Wie im Film hörst Du sie hämisch lachen - die Erinnerungen - fühlst, wie sie dämonenhaft durch Deine Gedanken tanzen, wie sie sich darüber amüsieren, dass Du völlig überrascht um Fassung bemüht bist. Tränen fluten Deine Wangen und es gibt nichts, absolut gar nichts, was sie stoppen kann. Eine innere Fräse pflügt durch Deine Gedärme, ein tiefes Brodeln breitet sich aus der Mitte Deines Körpers aus und pulsiert bis in die allerletzte Zelle Deines Ichs. Dein Innerstes will nach außen; es zerreißt Dich: PUFF!

Eines Tages hört es auf, das weißt Du, eines Tages ist es überstanden, aber wann ist dieser Tag? ... und mit der Zeit verblassen auch die Bilder, die "Ausbrüche" werden kürzer, die Abstände immer länger –  tick, – tack, – tick, - tack, denn das Leben geht ja weiter!

Anfangs wollte ich mich niemandem mehr öffnen und ich glaubte, dass nichts mehr folgen könnte, was diesem Rausch - diesem nie endenden Verlangen - in irgendeiner Weise konkurent werden könnte, gar das es etwas gäbe, dass es zu toppen vermag. Ich zog durch die Zeit und glaubte an gar nichts mehr. VÖLLIGE LEERE!

Mittlerweile versuche ich nicht mehr, irgendetwas zu toppen. Wenn ich spüre, dass ich Nähe brauche, suche ich mir einen Gesprächspartner und das Lustige ist, dass sich mir ein Spektrum eröffnet hat, das ich nicht einmal im Ansatz erahnte - davor! Ich habe die Menschen nie oberflächlich ausgesucht, eine gewisse Grundchemie muss stimmen, das ist ja klar, aber wenn ich mich umschaue, kenne ich dunkelhaarige und blonde, dicke und dünne, große und kleine, attraktive und weniger attraktive Menschen, Menschen verschiedener Nationen, verschiedenen Alters, aber eins kann ich über sie alle sagen: sie sind ein Teil von mir und in bestimmten Momenten sehr wichtig. Fehlten sie, fehlte mir etwas. Aus dem Buch "Der Schnupfen" von Stanislaw Lem stammt folgendes Zitat: "Mitunter haben wir einen Bekannten, mit dem uns weder gemeinsame Interessen noch besondere Erlebnisse verbinden, mit dem wir nicht im Briefwechsel stehen, den wir selten und nur zufällig treffen, und dennoch ist es wichtig für uns, wenn auch nicht leicht zu erklären, dass es ihn gibt." Besser könnte ich es nicht beschreiben.

Aber spinne ich diesen Gedanken mal weiter, dann könnte es doch sein, dass wir eines schönen Sonnentages diesen "Bekannten" in unser Herz gelassen hätten, dass es nicht so gelaufen wäre, wie es lief und schon wären wir vielleicht glücklich vereint!? Oder wir wären wenigstens federleicht durch die Welt gezogen, hätten gelacht und gealbert, vielleicht sogar verliebte Küsse ausgetauscht. Natürlich, morgens wäre da eine nebulöse Nüchternheit und auch das schwebende Gefühl hätte sich nach ein paar Tagen wieder gelegt. Ein paar Wochen später käme es uns vor, als hätten wir nur etwas Schönes geträumt. Und der nächste Abend käme und wieder käme Einer des Wegs und wieder würden Schmetterlinge zu tanzen beginnen...

Was aber wäre, wenn dieser Erste geblieben wäre, wenn er nicht gegangen wäre in diesem Moment; Wäre dann der Zweite auch in unser Leben getreten oder wäre alles ganz anders gekommen!?

Es bleibt wohl eine "Was-wäre-wenn-Frage". Und weil alles von so vielen Zufällen abhängt, weil es doch wirklich so ist, das nie mehr geschehen kann, als der andere auch will und sich die Erde trotzdem weiterdreht, darum ereilte mich, während ich über diese Thematik tagträumte, die Frage nach der Illusionsfähigkeit unserer Gefühle.
Wir alle brauchen Nähe, Wärme, Geborgenheit und das Gefühl, geliebt zu werden; wir wollen so gern mit jemandem unter den Schutzmantel der Vertrautheit schlüpfen. Und in diesem Augenblick sind wir in der Lage, das Tor zu unserem Herzen zu öffnen. Wir leben lieber mit der Illusion als mit Niemandem!

Aber eines Tages treffen zwei Seelen aufeinander und dann verschmilzt unmerklich die Phantasie mit der Realität; dann vollzieht sich die Metamorphose von einer flatterhaften Illusion in eine innige Liebe …
daran will ich glauben, noch immer!