Martha Sommerfeld
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Irgendetwas Schönes

"Was ist das für eine Welt, in der wir so miteinander umgehen, dass wir vorgeben, gleichgültig zu sein, wenn wir einen Menschen missen, den wir sehr mögen, die Traurigkeit, die wir dabei empfinden jedoch nicht zeigen, nur um der Umwelt keine Rechenschaft darüber ablegen zu müssen, warum wir dies tun, weil wir zu wissen glauben, dass es ohnehin unverstanden bleibt, und alle Fragen uns nur ständig wieder daran erinnern, wenngleich den Frager die Antwort nur oberflächlich interessiert. Wir lieben, sind traurig, wenn wir dieses Gefühl nicht ausleben können, doch scheuen uns - mit nur einer Geste - unsere Umwelt darauf aufmerksam zu machen."... (Tagebuch 1986)

Wo sich Gesellschaften finden, um dem Alltag für kurze Zeit zu entfliehen, gehören solche Gedanken nicht in den Vordergrund. Pech dem, der sie empfindet. Spürt man also übermäßige Zuneigung zu einem Menschen, kann man zwischen zwei Handlungsweisen wählen: entweder man überspielt dieses Gefühl, indem man sich überhaupt nicht oder "rein zufällig" mit diesem Menschen befaßt oder man zieht sich zurück, in der Annahme, dadurch irgendetwas zu verdrängen. Es ist sicherlich einfach, durch Ignoranz der eigenen Gefühle dem Problem der eventuellen Blamage aus dem Weg zu gehen zu versuchen, so die Erfolgsaussicht dafür nur begrenzt. Dieser Mensch ist ja durch seine Gedanken - und die Fähigkeit, seine Umwelt einzuschätzen- unterschiedlich vom Rest seines Umfeldes und somit auf Dauer nicht damit zufrieden, "einfach" zu sein. Er startet den Versuch, sich selbst zu betrügen, indem er andere Ideale aufbaut; also Vorgaben für sein Leben entwickelt, von denen er hofft, dass sie ihm eine Welt offenbaren, die verständlicher für ihn ist, leichter zu händeln. Es müßte ihm zu Beginn seiner Flucht bereits bewußt sein, dass das auf längere Zeit unmöglich ist. Doch zu dieser Zeit verweigert der Geist dem Körper und seiner eigenen Fähigkeiten jegliches Interesse.

Erst, wenn auch diese Werte verloren gehen, was sie fast zwangsläufig müssen, da irgendwann - urplötzlich - die Erinnerung an die eigentlichen Ideale keine Verbindung mehr zu den neuen, unter Resignation entwickelten Ziele, herstellt, erst dann entdeckt dieser Mensch seine wahren Eigenschaften wieder. Es ist ihm zuweilen unverständlich, wie ihm das passieren konnte - wie er dorthin kam,  wo er nun steht - doch in der Lage, seine Situation zu erfassen und zu analysieren. Er wirkt noch etwas unausgeglichen, da die Zwischenzeit nicht unbedingt problemlos im Alltag eingegliedert werden kann. Froh darüber, die Schönheit des Lebens wieder mit seinen Gefühlen zu verbinden und der nüchternen Gleichgültigkeit seiner Trance entkommen zu sein, genießt er jeden Tag.

Er war es ja gewohnt Problemen konfrontiert zu sein, bevor er sich - gelenkt vom Schmerz seiner Enttäuschungen - selbst ins Abseits manövrierte. Erstmals sieht er die Gelegenheit, seine eigentlichen Träume umzusetzen. Einige werden wahrscheinlich für immer unerreichbar bleiben, was ihm aber keineswegs mehr Angst einflößt. Er folgt endlich wieder seiner Devise: Man sollte immer das tun, was man im Moment des Handelns instinktiv für richtig hält, auch wenn man morgen - in einer ähnlichen Situation - nicht unbedingt dasselbe wieder tun würde; aber nur so kann man die Vergangenheit akzeptieren, um für die Zukunft die Gegenwart zu genießen.

Und noch immer finden sich Gesellschaften, um noch immer zu versuchen, dem Alltag für kurze Zeit zu entkommen und noch immer kreuzt er - noch immer zu "anderen" Gedanken fähig - regelmäßig ihren Weg. Unheil fügt ihm das keineswegs mehr zu, nutzt er es mehr zum eigenen Amüsement. Mitunter empfindet er sogar Mitleid mit jenen, die ihm einst solche Schmerzen zufügen konnten, weil glaubte, durch seine "andere" Art nicht dazuzugehören und somit mit ihrer Welt lebte, ohne in ihrer Welt zu leben. Und bis heute hat sich daran auch nicht viel geändert, nur dass er gelernt hat, mit sich umzugehen und seine Ansichten zu vertreten weiß.



Martha Sommerfeld

- 1991 -