Martha Sommerfeld
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Gedanken zum Jahresende

Wieder einmal neigt sich ein Jahr dem Ende und die besinnliche Adventszeit beginnt. Überall im Land eröffnen die Weihnachtsmärkte und funkelnde Lichtdekorationen verschönern die Straßen. Weihnachtliche Melodien tönen aus vielen Geschäften und es duftet herrlich nach gebrannten Mandeln und Lebkuchen. Große Kinderaugen schauen - noch immer fasziniert -, wenn Weihnachtsmannhelfer ihnen Geschichten erzählen und dabei aufmerksam Gedichte und Wünsche erfragen. Jedoch wirkt die ganze Inszenierung ein wenig bizarr, hält man den Alltag dagegen. „Mir ist noch gar nicht wie Weihnachten“, hört man immer öfter Leute sagen. Aber wie, frag(t)e ich mich, fühlt sich denn Weihnachten an?...

Weihnachten wird mittlerweile so sehr vom Handel beherrscht, dass immer mehr Menschen genervt wirken vom Kaufzwang, übersättigt von künstlich geweckten Bedürfnissen. „Wir schenken uns in diesem Jahr nichts mehr“, hört man ebenfalls sehr oft unter den Gehetzten des Alltags. Doch meistens lassen sich diese Vorsätze dann doch nicht halten. Da ist die Freundin oder der Kaufmann an der Ecke, Frau Nachbarin oder der nette Mechaniker, irgendwer ist immer da, dem wir doch eine kleine Freude machen wollen. Richtig! Eine kleine Freude für Menschen, die uns alltäglich bereichern, uns helfen, uns unterstützen. Ihnen schenken wir etwas. Aber den Menschen, denen wir am nächsten stehen, die das ganze Jahr mit uns fühlten, mit uns lachten oder uns trösteten, die ein essentieller Eckpfeiler unseres Lebens waren und bleiben, die sparen wir aus, weil es uns stresst? - und mit Goethes Worten: „...verletzen wir so am ersten die, die wir am meisten lieben.“ - Wissentlich! Ist Einem so zu Weihnachten?!

Das christliche Fest segnete ursprünglich die Geburt Gottes Sohnes, dem Vermittler zwischen Himmel und Erde. Ich jedoch bin Heide und dennoch feiere ich Weihnachten - ebenso viele andere konfessionell Ungebundene auch. Aber wie steht es mit dem Glauben, mit dem Glauben an einen Gott?

Vernachlässigen möchte ich an dieser Stelle die Frage der Herkunft von Religionen. Denn viel wichtiger erscheint mir, dass es sich, objektiv betrachtet, auch hierbei - heute - um eine Organisation handelt und diese somit ihre Licht- und Schattenseiten hat. Wenn ich mich für einen „Beitritt“ entscheide, ist mein offizielles Bekenntnis zum Glauben automatisch mit Pflichten verbunden. Jedoch dem Atheisten wird es durch die Verschmelzung von Kirche und Wirtschaft möglich, - quasi - „Rosinenpickerei“ zu betreiben. Er darf die schönen Dinge nehmen, muss aber im Gegenzug nichts mehr leisten. Er muss nicht einmal wissen, was zum Beispiel zu Weihnachten gefeiert wird, warum man sich besinnliche Tage wünscht, wieso man sich etwas schenkt und vor Allem wann: Heiligabend oder doch erst am ersten Feiertag? Was wird wo traditionell aufgetischt zum heiligen Fest? Und welchen Hintergrund gibt es dafür?... Aber noch viel wichtiger erscheint mir, dass er nicht einmal mehr glauben muss. An keinen Gott, an niemanden!?

Es wundert mich daher nicht, dass in Zeiten starker Belastung Menschen dazu neigen, Weihnachten einfach ausfallen zu lassen. Dieser ganze Zirkus! Das Geld ist ohnehin schon knapp und nun auch noch das?! Emotionslos betrachtet sogar verständlich, wie ich finde. Viele sitzen dann aber doch zum Abend gemütlich zusammen, erzählen, gehen spazieren oder vielleicht auch in die Abendmesse. Irgendwie schließt jeder seinen Frieden mit den freien Tagen. Aber was tun jene, die niemanden mehr haben, die ganz alleine sind? Ich kenne die genaue Zahl nicht, aber der Anteil der Bevölkerung dürfte recht hoch sein. Mit etwas Glück haben sie durch Job und/oder Hobbies wenigstens noch soziale Berührungspunkte. Jedoch zu den Feiertagen sind diese größtenteils auch nicht abrufbar. Wie „feiern“ wohl diese Menschen Weihnachten?

Die Medienindustrie ist da bereits einen Schritt weiter und hat diesen Aspekt bei der Gestaltung des Fernsehprogramms längst berücksichtigt. Man kann also ferner vermuten, dass viele von jenen einsamen Seelen neben "Rambo", "Hasta la vista baby" oder "Krieg der Welten" in Hoffnungslosigkeit ertrinken werden – oftmals im wahrsten Sinne des Wortes – und es für sie ein Tag wie jeder andere wird.

Weihnachten - das Fest der Besinnung - brauchen wir das noch?!

Ich denke trotzdem: Ja!
Denn es fordert uns auf, tolerant zu sein, tolerant zu uns und zu unseren Mitmenschen. Es beruht auf einer alten Tradition und ich frage gern ein wenig provokativ: Wo landet eine Gesellschaft, deren Traditionen versinken und wo diese nicht durch Neue ersetzt werden?!

Darum denke ich, dass Weihnachten mehr ist, als nur ein kommerzielles Jahresendgeschäft. Auch heute!
Ordnet man „Handel“ unter „sachliche Aspekte“ stehen dem gegenüber „Persönliche – also Emotionale“. Ich zum Beispiel platze fast vor Freude, wenn ich dieser Tage in den Keller steige, um den Weihnachtskoffer – es ist übrigens ein 100 Jahre alter Reisekoffer aus dem Nachlass meiner Uroma – nach oben zu holen. Akribisch genau werden dann zunächst die Dekorationen aufgestellt und letztlich die Kugeln am Baum verteilt. Dabei erwachen in mir immer sehr viele Erinnerungen, so dass es tatsächlich besinnlich wird. Ich erinnere mich derer, die mir etwas bedeuten, die irgendwann meinen Weg kreuzten. Tausend Erlebnisse besetzen die Gedanken und irgendwie scheint nichts wichtiger zu sein in diesem Augenblick. Ein wohliges Gefühl durchströmt den Körper – Besinnlichkeit! Sie bedeutet also Herzenswärme und schenkt uns letztlich die Kraft, niemals die Hoffnung – den Glauben – zu verlieren. Besinnlichkeit ist also ein Pate unseres Glücks?

Und darum freue ich mich auf Weihnachten. Es ist doch nicht wichtig, wie viele Geschenke wir verteilen oder gar bekommen. Viel wichtiger ist doch, dass diese von Herzen kommen. Es sind die kleinen Dinge, die das Leben schöner machen. Und noch viel wichtiger erscheint mir, dass wir nicht alleine sind, dass wir wissen, dass wir jemandem etwas bedeuten und unseren Frieden damit finden, wer und was wir sind.

In „Weihnachten“ sehe ich eher die Aufforderung, hin und wieder anzuhalten und die Ereignisse Revue passieren zu lassen, um Gutes von Schlechtem zu trennen und sich derer zu besinnen, die zu uns stehen, Tag für Tag oder nur in ganz bestimmten Momenten und dafür Danke zu sagen – Danke dafür, dass sie bei uns scheinbar übersehen, dass es Perfektion nicht gibt, sie unsere Stärken lieben und uns schon die Fehler zeigen, diese aber tolerieren - dieses Danke ist das teuerste Geschenk! Es nährt die eigene Kraft.

Die Jahreswende als Zeitpunkt zur Regeneration der Kräfte und zum Entwickeln neuer Ideen zu wählen, ist sicherlich ein guter Gedanke. Danach werden die Tage langsam wieder länger und auch die Natur rüstet sich im Winter für die neue Blüte im kommenden Jahr. Aber genau genommen ist es nicht wichtig, wann wir Ruhe und Nähe zu lassen, sondern dass wir es tun.
Mehr will Weihnachten nicht. In jedem Fall aber das Gegenteil von dem, was viele Menschen damit verbinden:
Stress oder Einsamkeit!

Ein Pfarrer sagte anläßlich einer Segnung: „Gott hat viele Gesichter. Aber er hat keine besondere Gestalt. Oft erkennen wir ihn nur, weil uns Gutes widerfährt, wenn wir es kaum noch erwartet haben.“ ...Wenn uns also etwas Unvorhersehbares, etwas Gutes begegnet, dann trafen wir Gott?
Oder steigerten wir uns, weil wir uns gegenüber etwas Neuem öffneten, allein die Hoffnung aus dem Glauben zogen, dem Glauben an die eigene Kraft?!...

Glaube = Kraft...!?

Liebe Lese-Freunde, ich hatte Spaß beim Philosophieren über das anstehende Fest und ich freue mich, wenn ich Sie mit meinen Gedanken ein wenig aus dem Alltag entführen und zum Nachdenken darüber inspirieren konnte, mit welcher Hast wir größtenteils durchs Leben gehen und oftmals die wesentlichen Dinge nicht mehr sehen.

Ein ereignisreiches Jahr neigt sich dem Ende, sicherlich mit einigen Turbulenzen, aber auch ganz zauberhaften Momenten. Behalten wir nur die schönen Momente in Erinnerung und beginnen wir das Nächste mit neuer Energie. Ich wünsche Ihnen  allen eine wunderschöne „Weihnachtszeit“!...