Martha Sommerfeld
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Schokolade

Ein Leben,
bei dem nicht gelegentlich alles auf dem Spiel steht,
ist nichts wert!

- Redensart -


Vor ein paar Jahren stand eines Samstags meine Mutter plötzlich nachts an der Tür. Sie hatte Tränen in den Augen und wirkte in der Dunkelheit wie ein Häufchen Elend.

"Mama? Es ist gleich elf Uhr. Ist was passiert?“
„Du sahst vorhin so kaputt aus“, schniefte sie, „da musste ich noch mal kommen, um zu sehen, ob es dir gut geht!“ Erleichtert, dass nichts Schlimmes geschehen war, umarmte ich sie: „Ach Mama!“, seufzte ich kopfschüttelnd, “Komm rein! Willst du was trinken?“ Sie schlurfte hinter mir her, während wir hinauf in die Küche gingen: „Ich weiß, ich bin ein komischer Mensch!“

„Natürlich geht es mir gut!“, redete ich weiter, ohne darauf einzugehen. “Wir haben nur nachts nicht geschlafen, hatten einen ziemlich langen Rückflug in wirklich engen Sitzen. Wir kommen aus der Sonne und zur Begrüßung ist es hier gleich wieder so grau und so nass und so kalt. Da will man am Liebsten auf dem Hacken umdrehen und wieder zurück. Du weißt doch, wie das ist, wenn man aus dem Urlaub zurückkommt – und jetzt ist es Herbst!“

Ich setzte Wasser auf und stopfte zwei Teebeutel in die Kanne. Draußen regnete es noch immer. Ich lehnte an der Küchenplatte und sprach weiter: „Aber nun haben wir etwas geschlafen, zum Abendbrot Pellkartoffeln gegessen und so langsam aklimatisieren wir uns. Es ist alles okay, Mama, wirklich!“

„Aber ich mache mir Sorgen um Dich, Kind! Wie es weitergeht mit Dir?!“
Ich nahm sie in den Arm: „Ach Mama, mach dir doch nicht immer so viele Sorgen. Mein ganzes Leben ist ein Drahtseilakt. Das war doch schon immer so. Und irgendwie hatte ich gehofft, dass ich etwas anderes sein könnte, keine Ahnung, der Pfleger der Artisten sozusagen. Aber jeden Tag sah ich dieses Seil, jeden Tag gab ich den anderen Tipps, wie sie sich darauf zu bewegen haben, ohne herunter zufallen. Aber mir fehlte etwas. Und so kletterte ich hinauf und lief darüber. Ich kann nicht mein Leben lang vor mir weglaufen. Ich bin Drahtseiltänzer und ich glaube, ein ganz Guter. Denn ich weiß, dass ich das Seil niemals aus den Augen lassen darf und ich habe gelernt, die Balance zu halten – und manchmal, da muss ich was riskieren. Wie soll ich wissen, wo meine Grenze liegt, wenn ich sie nicht gelegentlich überschreite. Verstehst du das?“

Sie sah mich liebevoll an und holte tief Luft: „Ja ja, das hast du von deinem Vater!“ Sie entspannte sich etwas und versuchte zu lachen: „Wir sind eben komische Menschen...“
Dann zauberte sie eine Schachtel Nougat-Konfekt und eine Flasche Sekt aus Ihrem Beutel und sagte, während sie mir erst die Pralinen und dann die Flasche reichte: „Hier, die sind von deinem Vater und der hier ist von mir.“ Irre! Seit ich ein Kind war, hat mein Vater mir immer Schokolade geschenkt. Es war seine Tradition! – Jeden Tag, wenn ich aus der Schule kam, lag immer eine Tafel im Kühlschrank. „Quatsch", sagte er dann verteidigend, wenn ich ihm vorwarf, dass er Schuld sei, wenn ich kugelrund werde, "Schokolade ist Nervennahrung“... Später haben wir dieses Ritual dann bei meiner Oma gegen ein Gläschen Sekt getauscht. Meine Oma ist nun leider tot. Meine Mutter führt es fort. Völlig unvernünftig, aber trotzdem soooo wichtig!

Ich sah meine Mutter an und studierte ihre Züge und nach einer kurzen Pause brachte ich meinen Gedanken zu Ende: „Ich kann nicht hier bleiben und zusehen, wie mein Leben an mir vorbei läuft, nur weil Ramon beschlossen hat, sich zu vergraben. Ich komme nicht mehr an ihn heran, verstehst du? Er redet immer schön, wenn er Angst hat, mich zu verlieren. Aber er tut nichts, dass es anders wird. Ich kann nicht mehr, Mama.“ Ich goss den Tee auf und füllte Kandiszucker in die Tassen. „Du kannst mir glauben, dass ich nicht so leichtsinnig bin und sechs Jahre einfach an den Henker gebe. Aber weißt du, er sagt immer, dass er sich wünscht, dass wir mit siebzig zusammen auf einer Parkbank sitzen und dann gemeinsam unserer Jahre gedenken. Nur er sitzt dort bereits und hofft, dass ich ihm die nächsten dreißig Jahre das Essen bringe und diese Erlebnisse forciere. NEIN, das will ich nicht. Nicht so!“ Ich zog mich hoch auf den Küchentisch und ließ die Beine baumeln. „Ich habe wirklich alles versucht – aber lieber ein Ende mit Schrecken, als umgekehrt...“

Ich sah hinaus in die Nacht und die Erinnerungen spiegelten sich scheinbar in der Fensterscheibe. Ich hatte keine Ahnung, ob sie eine Vorstellung davon hatte, wie schwer es mir fiel, zum einen darüber zu reden und zum anderen, mir diese Niederlage einzugestehen. Denn für mich war es das. Ich war nicht in der Lage, eine dauerhafte Beziehung zu führen. Egal, wie ich es drehte: Ich hatte versagt! Aber es nutzte doch auch nichts, in Selbstmitleid zu ertrinken oder gar aus Stolz die Augen vor den Tatsachen zu verschließen. Ich musste einen Schlussstrich ziehen, um nicht selber auf der Strecke zu bleiben. „Ich will noch leben, mum!“, flüsterte ich und plötzlich kullerten die Tränen heiß über meine Wangen.

Ich hatte lange gebraucht, bis ich wusste, was meine Suche nach dem Glück von der von Ramons unterschied: Ich tat, weil ich liebte, er liebte, weil ich tat! Das konnte nicht funktionieren. Ich musste verlieren dabei und allein die Tatsache meines "Zur-Ruhe-Kommen-Wollens" war ein wesentlicher Grundstein dafür, dass es diese Zeit überdauerte. So lange ich die Risse kittete, die Warnsignale überhörte, die Dinge richtete, die er versäumte, meinen Kurs nach seinem richtete, war der Sturm nach außen nicht sichtbar. Ich spannte mich vor "unseren" Karren, fing alles ab und verfiel in Lethargie - ja quasi Kraftlosigkeit aus Hilflosigkeit - und die Jahre zogen ins Land. Es war vergleichbar mit einer Art von Trance aus Gewohnheit. Er nahm und nahm, nur vergaß er viel zu oft, den Akku wieder aufzuladen, dessen Kraft er nutzte, ignorierte es, den Dingen, an die er sich so sehr gewöhnt hatte und die ihn schützten, die nötige Aufmerksamkeit/Anerkennung zu schenken. Ich glaubte, dass ich es schaffen müsste, unsere Beziehung im Gleichgewicht zu halten. Zu oft schon hatte ich scheinbar kampflos meine Beziehungen beendet. Doch der Zustand wurde immer prikärer und alles reden half nichts.

Eines Tages also takelte ich auf und wendete mein Schiff, das vor Jahren den sicheren, ruhigen Hafen gesucht hatte. Es braucht keinen Hafen, weiß ich heute, es braucht den Halt aus Nähe! Häfen, Meere, Flüsse, Städte. Es sind nicht die Orte, die wichtig sind, es sind vielmehr das "Schiff" - auf dem - und die "Crew" - mit der - man segelt. Ich machte ordentlich Rabatz dabei und kein Hehl daraus, dass ich anheuerte, auf der Suche war nach neuen Zielen, bereit für eine neue Reise. Nur er sah nicht mehr hin. Ich hatte keinen Plan, wohin mich der Wind tragen würde, keine Idee, wonach ich wirklich suchte. Ich schöpfte Kraft aus dem Wissen, dass ich es nicht mehr länger ertragen wollte/konnte. Der Startschuss schließlich fiel an einem sonnigen Spätsommertag - damals in Hamburg - und so fasste ich Mut und segelte los...


                                      Foto: Finn Leison


Und noch immer ist diese Reise nicht beendet. Aber ich fühle mich sehr wohl auf "offener See". Hin und wieder laufe ich einen "Hafen" an, aber irgendwie verspüre ich dann schnell den Wunsch nach den gewohnten Weiten des Meeres und segle wieder los. Ich habe viele Eigenschaften an mir wiederentdeckt, die ich lange verkümmern ließ - aus Angst vor Ablehnung. Und so hatte mein Aufbruch wenigstens schon ein Gutes: Ich habe mich gefunden! und ich weiß nun, dass eine "Liebe" nur dann halten wird, wenn beide sich als die Personen respektieren, als die sie sich kennen gelernt haben. Denn allein durch die Zeit verändern wir uns schon genug und diese Schritte mit jemandem zugehen, dürfte genügend Herausforderungen bieten; aber sich für jemanden zu verbiegen, damit er einen akzeptiert, welche Form von Liebe sollte das sein?!