Martha Sommerfeld
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Kapitel Zwei - Amadeus

Die Tür drehte sich schwungvoll weiter, als er das Bürogebäude betrat. Es war ein sonniger Montagmorgen und das helle Licht drang so kraftvoll durch die mattierten Fensterscheiben, dass es dem gesamten Innenraum ein behagliches Ambiente verlieh. Trotz seiner modernen Architektur, vermittelte das Gebäude etwas Behagliches. Maximilian genoss diese Wärme jeden Tag auf´s Neue und atmete kraftvoll durch, bis er schließlich seine Schritte zum Tresen lenkte.

„Guten Morgen, Jutta. Hatten Sie ein schönes Wochenende?“, begrüßte er die Dame am Empfang. „Ja, Danke!“, antwortete sie gut gelaunt, während sie kurz inne hielt, die Blumen mit frischem Wasser zu versorgen. “Wir haben das schöne Wetter genutzt und sind ein bisschen in die Berge gefahren. Und wie geht es Ihnen, Max? Sie sind früh dran.“
„Oh ja, die Straßen waren heute Morgen völlig leer. Dann brauche ich kaum eine halbe Stunde hierher. Wenn es doch immer so wäre“. Er lachte und trat zu seinem Postfach.
Ein Lächeln huschte über Juttas Gesicht, als sie ohne aufzuschauen weiter sprach: „Sie haben Besuch.“
„Was? Um diese Zeit?“ Und als ob er sich dessen dort vergewissern könnte, schaute er auf seine Uhr. In Gedanken blätterte er in seinem Kalender und sah für den heutigen Vormittag nur ein weißes Blatt. „Wer erwartet mich denn?“, fragte er neugieirg. Sie senkte leicht den Kopf, während sie ihn eindringlich ansah und es war offensichtlich, wie sehr sie ihren Wissensvorsprung genoss. Nach einer kurzen Pause antwortete sie schließlich: „Ein Herr Amadeus. Er sagte, es wäre privat.“

„Herr Amadeus?!“ huschte es fragend über seine Lippen und die Fragezeichen standen ihm ins Gesicht geschrieben: „Ich kenne keinen Herrn Amadeus, Jutta.“
Sie verzog das Gesicht zu einem amüsiereten Lächeln und beendete das Gespräch: "Ich dachte, es ist in Ordnung, wenn er gleich in ihrem Büro auf Sie wartet!"

Kopfschüttelnd und völlig ideenlos betrat er den Lift. Sein Büro lag im Dachgeschoss und es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, bis sich die Türen wieder öffneten. Insgeheim ärgerte er sich ein bisschen über Jutta's Gutgläubigkeit. Wie konnte sie einen wildfremden Menschen einfach in seinem Büro platzieren. Noch dazu, wenn in seinem Kalender kein Termin vermerkt war. Andererseits war sie die gute Seele des Hauses und seit Jahren mit allen Geflogenheiten vertraut. Er musste sich eingestehen, dass ihre Ruhe und gleichzeitige Vorfreude seine Überraschung um ein Vielfaches übertroffen hatten, als dass er überhaupt Bedenken hatte, geschweige denn, diese hätte in Worte kleiden können. Er lief weiter über den Gang, unwissend, auf wen er gleich treffen würde. 'Herr Amadeus?!' Er hatte keine Ahnung und lachte in sich hinein, als er endlich sein Büro erreichte. Erwartungsvoll drückte er die Klinke herunter und als die Öffnung den Blick in seinen Raum freigab, schaute er direkt in das freundliche Gesicht eines riesengroßen Stoffbären. Wie vom Blitz getroffen stockte er in seiner Bewegung und schloss gedankenverloren die Tür hinter sich. Sein Herz pochte laut. „Amadeus!“, hauchte er zärtlich. 

Er ging einen Schritt näher, legte die Post ab und lehnte seine Tasche gegen den Fuß des Schreibtisches. Dann packte er das Tier und presste es fest an seinen Bauch. Aus seinem Schoß fiel ein kleines Päckchen. Er hob es auf und legte es zu den anderen Dingen auf den Tisch. Maximilian ließ sich in seinen Stuhl fallen und betrachtete den Bären auf seinem Schoß. An seinem rechten Arm trug er ein silbernes Armband. Er schüttelte ungläubig den Kopf, ohne den Blick abzuwenden. Natürlich kannte er ‚Herrn Amadeus’ und auch das Armband, das ihn kleidete. 

Meta!
Tausend Erinnerungen strömten auf ihn ein und völlig nah erschien ihm der Tag, an dem er ihr diesen Bären geschenkt hatte. Das war an einem Sonntag im Januar, der seinem Namen alle Ehre machte - eisig kalt und mit viel Schnee - aber mit einem gönnerhaftem, blauen Himmel. Eines Tages hatte er ihn in einer Mittagspause in den Auslagen eines Kaufhauses gesehen und dabei sofort an Meta gedacht. Hundertfach hatte er sich in seinen Träumen ausgemalt, wie er sie damit überraschen wollte, wenn sie sich das nächste Mal trafen. Schließlich verabredeten sie sich für jenen Sonntag und er lotste sie per Telefon über die verschneiten Wege im Englischen Garten, bis sie so nah vor ihm stand, dass er es nicht mehr aushielt und seine Deckung endlich aufgab. Den Bären hatte er auf die nahe gelegene Hecke gesetzt. Als Meta sich umdrehte, entluden sich mit einem Mal Aufregung und Neugier zugleich. Ihre Freude erhellte ihr ganzes Gesicht. Fast gleichzeitig trat sie zur Hecke und auf ihn zu. Sie drehten sich im Schnee, während sie sich innig zur Begrüßung küssten. Ihr Lachen schallte bis tief in sein Herz.
„Du liebst große Auftritte, nicht wahr?“ Sie strahlte eine solche Zufriedenheit aus, dass sich die Leute im Park nach ihnen umdrehten. In solchen Augenblicken waren sie eins und er der glücklichste Mann dieser Welt. Allein dafür, dass sie die Fähigkeit besaß, ihm das Gefühl zu geben, dass er ihre Wünsche und Sehnsüchte kannte, ohne dabei auch nur den geringsten Zweifel von jenem Wissen erkennen zu lassen, dass es Vollkommenheit nicht gab, liebte er sie. Übermütig drückte sie ihm eine Bärenpfote in die Hand und während sie weiter liefen, schaukelte nun das helle Stoffknäuel lustig in ihrer Mitte. Unersättlich tauschten sie Blicke und Zärtlichkeiten aus und eine wohlige Wärme durchströmte seine Venen. Es war offensichtlich, wie sehr sie seine Nähe genoss, seine Art und seine Verrücktheiten liebte. Und sie schaffte es immer wieder, ihn binnen von Sekunden, seiner Ängste und Zweifel zu befreien. Es war mehr, als man Glück definieren könnte.

„Hat er schon einen Namen? Er muss doch einen Namen haben“, plauderte sie los.
„Nein, chou, den hat er noch nicht.“ Er legte seinen Arm um ihre Schultern und verzehrte sich nach ihrer unbekümmerten Art. In genau diesen Momenten wünschte er sich, einfach die Zeit anhalten zu können. Ziellos schlenderten sie in trauter Einheit durch den Park; sie trug den Bären, mittlerweile fest in beiden Händen haltend, vor sich her und er hielt sie. „Okay“, sinnierte sie weiter. „Lass mich mal überlegen!“

Von Kälte durchzogen und mit hochroten Gesichtern kehrten sie ein wenig später in ein kleines Gasthaus ein. Leise untermalte die Musik das Stimmengewirr und über dem Tisch streichelten sie sich an den Händen, verwebten ihre Blicke, als Meta plötzlich - scheinbar ohne erkennbaren Zusammenhang - sagte: „Amadeus! - Wir nennen ihn Amadeus. Was hälst du davon?“
Er dachte gar nichts und im Grunde war es ihm völlig egal. Er hatte eher das Gefühl, die reale Welt verlassen zu haben und einige Zentimeter über dem Boden zu schweben, als er ihre Hand fester hielt und sich antworten hörte: „Woher nimmst du nur immer deine Ideen, chou? Aber es klingt gut. Wenn du es willst, nennen wir ihn so!“ Sie strahlte ihn an und wie aus der Ferne drangen ihre Worte zu ihm herüber: „Fein! Also heißt er von nun an Amadeus.“ Sie setzte sich auf, während sie das Glas erhob, um feierlich zu verkünden: „Auf Amadeus!“
„Auf Dich“, antwortete er. Ein feiner Klang drang in den Raum, als sich Ihre Gläser berührten. In ihren Blicken versunken, nahmen sie keinerlei Notiz von ihrer Umwelt. Wie im Fluge verging die Zeit und die ganze Welt schien sich ein bisschen schneller zu drehen. Wie immer, wenn sie zusammen waren…

Er sah ihr direkt in die Augen, als ihn das monotone Klingeln des Telefons aus seinen Erinnerungen riss und in die Realität zurückholte. Benommen sah er aufs Display. Er griff zum Hörer: „Ja?!“, raunte er.
„Oh, ich wollte Sie nicht stören, Max“, zirpte Jutta Klein amüsiert. „Ich wollte Sie nur fragen, ob sie vielleicht einen Kaffee möchten?“ Er räusperte sich und erleichtert, dass es nichts Wichtiges war, antwortete er: „Ja, sehr gern. Das ist wirklich eine gute Idee!“

Noch immer fassungslos sank er in den Sitz zurück. Er glaubte Meta's Haut zu fühlen, während seine Hände über das weiche Fell des Bären strichen und er hörte tief aus seinem Innern ihre Stimme, ihr Lachen. Er atmete tief durch und seine Blicke fokussierten das Päckchen, das auf seinem Tisch lag. Vorsichtig befreite er den Inhalt von seiner Verpackung und es enthüllte sich ein handgebundenes Taschenbuch: „Funny Sunday Island“, las er tonlos. Ein Blubbern breitete sich in seinem Magen aus und er ließ die Seiten durch seine Hände laufen. Am Ende angekommen, blätterte er zurück zur Mitte, sah die Worte, unfähig, gegenwärtig auch nur eine Zeile davon zu lesen. Sein Herz krampfte sich zusammen und Tränen liefen über sein Gesicht. Kurz nachdem sie sich damals kennengelernt hatten, hatte sie ihn eines Morgens völlig Glücktrunken angerufen, um ihm mitzuteilen, dass sie diese Geschichte geträumt und nun begonnen habe, sie zu Papier zu bringen. Er hatte keine Ahnung, was ihn erwartete, bis sie ihm die erste Version schickte. Natürlich hatte er sich vorgenommen, gerade unter Anbetracht ihrer Euphorie, sie in jedem Fall für gut zu befinden, aber schnell ertappte er sich dabei, dass er sehnsüchtig auf die Fortsetzung wartete. Doch Meta hatte immer nur lachend gesagt, dass sie Zeit und Fügung dazu brauche. 

„Ach Schubidu“, erklärte sie dann fast flehend, „Verlust, Trennung, Umzug, ein Rucksack voll Schulden und ein wenig Existenzangst, dazu ein neuer Job, neue Kollegen... das alles ist gut und richtig so, aber trotzdem schwer zu verarbeiten und leider wirklich kein guter Nährboden für Phantasie. Aber das geht alles vorbei und dann“, sie atmete tief durch „...dann werde ich irgendwann mal die Zeit finden, nur zu tun, was ich will.“  Und als ob sie dann aus einer anderen Welt weiter sprach, fügte sie hinzu: „Manchmal wünsche ich mir, dass ich einfach tun darf, was mir gerade gut tut. Nicht immer diese Vernunft! Dieses Funktionieren! Das nimmt mir die Luft... Ich bin müde, chou!“

Maximilian fühlte sich solchen Gefühlsausbrüchen hilflos ausgeliefert und fand keine Worte, die ihr Halt hätten geben können. Zu sehr war er in seiner Welt gefangen. Er wusste nur zu gut, dass es mehr als egoistisch war, in dieser Situation noch mehr von all dem, wovon er so sehr zehrte, zu verlangen. Und er wusste auch, dass er seinen Beitrag daran hatte, dass sie ihren Alltag allein meistern musste. Er schaffte es nicht, so wie sie, eine Entscheidung zu treffen und diesen letzten, endgültigen Schritt in eine gemeinsame Zukunft zu gehen. Allein, dass sie in zwei Städten lebten und über 600 Kilometer von einander getrennt waren, stellte sie vor etliche Schwierigkeiten. Und genau deshalb hatte er gegenwärtig überhaupt keine Forderungen zu stellen und doch gingen Wissen und Versuchen zwei unterschiedliche Wege. 

Insgeheim plagte ihn das schlechte Gewissen, denn zunächst aus Selbstschutz begann er ihr klammheimlich ein wenig Mitschuld an seiner Unentschlossenheit unter zu mischen. Doch nach und nach verschmolzen Lüge und Realität so sehr miteinander, dass er noch mehr Mut gebraucht hätte, ihr seine Unfähigkeit zu beichten, den er – so musste er sich eingestehen - niemals aufbringen würde. 

Wissend, dass Meta eines Tages diese Lüge enttarnen musste, um ihn dann – und das zu Recht – in hohem Bogen in die Wüste zu schicken, versuchte er zum Einen, seine Ehe in Balance und parallel den Zustand des Glücks mit Meta möglichst lange aufrecht zu halten. Solange sie mit der Wiederherstellung ihrer Stabilität beschäftigt war, hatte er gute Chancen, dass diese Patt-Situation unerkannt blieb. Er benutzte also ihre Verrücktheit und Phantasie, um ein Luftschloss nach dem Anderen zu bauen, bis eines Tages – wie voraussehbar - die gesamte Traumwelt wie eine Seifenblase zerplatzte... Einfach so!