Martha Sommerfeld

Lethargie, Teil Zwei

Als ich am Abend bei Meta ankam, saß sie teilnahmslos unter einem Baum und starrte aufs Wasser. Sie war völlig in sich gekehrt und hielt die Arme vor den angezogenen Beinen verschränkt. Es war ein lauer Sommerabend und es war Samstag und vielleicht viertel vor neun.

"Meta?", fragte ich vorsichtig, als ich mich ihr näherte. Doch sie schien mich gar nicht zu bemerken. Ich setzte mich neben sie und ohne eine weitere Regung antwortete sie: "Hi Idi! Danke, dass Du gekommen bist."

Wir kannten uns seit unserer Kindheit. Ich hatte immer das Gefühl, dass Meta niemals etwas aus der Bahn werfen kann. Doch diesmal, das spürte ich, war es anders. Die Leere in ihrem Blick war so dominant, dass es mir die Sprache verschlug. In meiner Verlegenheit setzte ich mich neben sie und schaute ebenfalls in Richtung des Sees.

"Idi?" Ihre Stimme klang kraftlos. "Ich weiß nicht, was ich tun soll."

Ich sah sie an und hoffte sehr, dass sie endlich los plaudern würde, so wie sonst. Doch sie starrte nur in die Wellen und sprach keinen Ton. Als die Dämmerung sich immer weiter ausbreitete, kam überraschender Weise doch Bewegung ins Spiel. Sie rutschte ein wenig auf der Decke herum und setzte sich nun im 90° Winkel zu mir. Unsere Blicke berührten sich und sie atmete tief durch.

Sie hatte wahrscheinlich schon eine Ewigkeit hier verbracht und vorsorglich das Windlicht aufgestellt. Daneben standen Wasser und eine offene Flasche Wein, aus der bisher nur der Schluck fehlte, der in ihrem Glas unangerührt weilte.

"Willst Du was?", fragte sie, während sie den Wein in die Hand nahm und auf das leere Glas neben ihrem deutete.

"Gern, klar", antwortete ich ohne ein Zögern und hakte nach: "Was ist passiert?"

"Wenn ich das wüsste!..."

"Meta!", sprach ich mit beinahe mütterlichem Ton, "wir kennen uns jetzt über 30 Jahre. Ich habe Dich so noch nie gesehen. Du bist immer mit allem am Besten klar gekommen. Irgendetwas muss passiert sein!"

Sie saß vor mir wie ein Häufchen Elend und ihr Atem ging schwer. Sie kämpfte mit den Worten und das bei Meta! Immer hatte sie ein Ohr für mich gehabt, immer wusste sie einen Rat und nun saß ich hier und sah eine Frau, der die Ausweglosigkeit ins Gesicht geschrieben stand. Ja, ich wusste, dass sie Probleme hatte, als sie mich am Nachmittag anrief. Aber ich ahnte nicht, dass sie so gravierend waren.

Sie nahm meine Hände und als ob unsere Finger eine Prophezeiung kundtun könnten, blickte sie dorthin und sprach: "Weißt Du noch, früher, als wir klein waren? Da haben wir uns immer die Unsterblichkeit geschworen. Wir wollten uns niemals verlieren."

Ich hatte keine Ahnung, worauf sie hinaus wollte, aber ich wusste sehr wohl, was sie meinte. Also nickte ich wortlos und drückte ihre Hände zurück.

"Immer erschien uns der Tag zu kurz, um all das zu vollenden, was wir morgens geplant hatten. Glaubst Du, dass so etwas ein Omen sein kann?"

Ich hatte noch immer keine Ahnung, worauf sie hinaus wollte, aber ich löste eine Hand und streichelte ihre Haare. Sie hatte volles, langes Haar und die Mehrheit war in einem Zopf verknotet. Doch einzelne Strähnen hingen heraus und lagen auf ihrer Schulter. Ich begann mit ihnen zu spielen.

Ich brauchte Zeit, um die Fährte zu ihren Gedanken aufzunehmen und sie spürte das. Ich glaube, dass das Geheimnis unserer jahrelangen Freundschaft ist. Wir wissen immer, wann es wichtig ist, da zu sein. Sie nahm meine Streicheleinheiten an und fügte ihren Kopf in meine Hand.

"Quatsch", hörte ich mich antworten. "Wir waren Kinder. Und der Tag erschien uns zu kurz, schon deshalb, weil unsere Eltern viel mehr davon hatten, denn wir mussten lange vor ihnen ins Bett und wir mussten wegen dieser 'blöden' Regeln unsere Aktionen auf den nächsten Tag verschieben. Nein, das war kein Omen und wenn, dann ein Gutes. Denn manchmal vertagten wir unsere Pläne sogar eine ganze Woche. Weißt Du noch..."

"klar... unsere Sandmauer." Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht und es tat gut, das zu sehen.

Meta's Großeltern hatten ein Grundstück inmitten des Dorfes, das meine Heimat war. Sie kamen nur am Wochenende und in den Ferien hier her, doch weil ihr Opa geschäftlich viel in der Region unterwegs war, war es etwas anderes als bei normalen 'Wochenendlern'. Sie waren Nachbarn. Sie gehörten zur Gemeinde. Meine Eltern wohnten damals in einem Haus, das schräg gegenüber von ihrem Grundstück lag. An den Wochenenden traf man sich zum Frühschoppen bei "Günther's", einer kleinen Kneipe gleich zwei Aufgänge weiter von unserem Haus entfernt. Dort muss es sich eines Tages ergeben haben, dass sich unsere Väter trafen... ich war drei und Meta vier, als man uns in einem Garten zum Spielen zusammen brachte. Wir spielten, was eben Kinder auf dem Land so spielten. Wir bauten Sandmauern - also Mauern einer großen Burg, auf die wir uns setzen und auf der uns niemand finden würde. Doch schnell eroberten wir die ganze Straße mit unseren kleinen Fahrrädern und andere Kinder kamen in unseren Reigen dazu. Alle Eltern kannten sich - irgendwie - ob nun vom Sportplatz, von den Festen oder durch den morgendlichen Frühschoppen am Wochenende. Es war schön. Denn egal, wo man war, man war irgendwie doch zu Hause. Wir bauten Häuser aus Goldregen, gingen zum Fischen im kleinen Fließ, konstruierten Baumhäuser und Flöße, fingen Schmetterlinge, Kaulquappen, Frösche. Wir kletterten auf unzähligen Bäumen bis hoch in die Wipfel, stritten gelegentlich um Nichtigkeiten am Vormittag, um uns am Nachmittag wieder zu versöhnen. Wir hüpften um die Wette von der Schaukel und zogen lange Bremsspuren auf den sandigen Straßen. Pflaster schmückten regelmäßig unsere Knie und im Frühling zupften wir Fliederblüten von den Sträuchern, um aus ihnen zu trinken, knüpperten Taue aus Gras und flochten Kränze aus Gänseblümchen und Butterblumen. Wir kicherten auf manchem Dachboden bei Regen, schlugen den Schnee von den Bäumen im Winter, wenn jemand hinter uns war, wetzten mit den Schlittschuhen endlose Runden auf den zugefrorenen Teichen... Wir hatten Kinderfeste nicht nur zu Geburtstagen; Sprangen vom Stuhl ins Bassin und drehten unzählige Runden im Tauchgang darin. Es war egal, ob wir Mädchen oder Junge waren - jeder konnte etwas, das der andere nicht so gut konnte, aber es gab keinen Neid. Wir waren einfach nur Freunde, verbrachten mal mehr und mal weniger Zeit miteinander... und nun, in diesem Moment, an dem ich mich an all diese Dinge erinnerte, ahnte ich, was die Ursache für Metas Frage vorhin war.

Ich hoffte sehr, Zeit gewinnen zu können, um ihr beistehen zu können.

"Idi, ich habe Angst.", unterbrach sie die kleine Pause. "Es ist nicht so wie damals im Wald, als wir den Hund gefunden haben, den wir an einen Baum banden, bei dem ich blieb, bis ihr alle von der Försterei zurück kamt. Es ist auch nicht diese Art von Angst, die ich plötzlich hatte, als mich Martin kurz nach der Geburt von Leonie verließ und ich sehr jung die Bedeutung von Verantwortung und Endlichkeit begriff... es ist anders." Sie nippte an ihrem Glas. "Ich habe meine Stabilität verloren und bin teilweise sehr fahrlässig über diese Grenzen der gewohnten Sicherheit hinweg gegangen. Ich habe meinen Instinkt ignoriert und nun stehe ich vor einer der schwersten Entscheidungen meines Lebens. Ich, die 'Predigerin' in Sachen "Frage nie nach dem Warum" stehe plötzlich vor mir und bitte mit dieser Frage um Begnadigung, Warum, Idi? Hat das mit Martin denn nicht gereicht? Brauchte es sieben Jahre, bis ich überhaupt wieder jemandem vertraute, damit ich dann an Robert geriet, Robert, den Spieler? Und warum konnte ich mich nicht eher mit meiner Vergangenheit auseinander setzen, dass ich alles dafür gab, stattdessen unbedingt mit ihm eine Familie zu wollen und alles, wirklich alles in meiner Macht Stehende, für ihn zu tun. Soviel, dass ich meine eigene Sicherheit aufgab? Warum Idi, warum habe ich das getan? Damit ich Dir das heute erzählen kann? Damit die 'Predigerin' endlich weiß, was einen Warumfragenden zu seiner Frage treibt?"

"Meta, das ist Blödsinn und das weißt Du auch! Du hast nichts falsch gemacht. Hast Du denn mal mit Robert über Deine Angst gesprochen?"

"Mehr als genug, Idi und es gibt nur einen Weg: ich muss gehen. Robert ist Spieler. Er wird immer eine Argumentation finden, die mich vom Gegenteil dessen, was ich sehe, überzeugt. Er braucht mich. Wenn auch auf sehr merkwürdige Art und Weise."

Ich verstand nicht oder ich wollte es nicht verstehen, was Meta mir in ungewöhnlich kurzen Worten klar zu machen versuchte. Aber ich kannte sie lange genug, um zu wissen, dass sie diese Form nur wählte, wenn die Zeit drängte. Der Meisterin der ausschweifenden Plauderei fehlte die Zeit der Herleitung. Stattdessen setzte sie scheinbar auf unsere Ebene der Vertrautheit, in der knappe Sätze eine Basis der Lösungsfindung bilden können. Ich spürte, wie sich der Druck in mir aufbaute, ihr diese Basis liefern zu wollen, doch die Möglichkeit mangels Informationsrückstand fehlte. Da ich nicht zu überlegen brauchte, ob mir aus meiner Vergangenheit ein vergleichbarer Zustand einfiel, hoffte ich darauf, dass sie selbst einen Ansatz aus ihren Erfahrungen fand.

"Wie war das damals bei Tom?", stammelte ich los.

"Tom?" Sie lachte. "Tom war ganz anders. Der hatte Prinzipien. Er war wohl auch ganz gern mal auf der Überholspur mit seinen Erzählungen, aber er hätte niemals jemanden übervorteilt. Er war ein schnittiger, aber kein unehrlicher Mann. Bei Robert kann es schon mal passieren, dass sich in seiner Wahrnehmung, Wünsche in Wirklichkeit verwandeln – selbst, wenn es Zeugen für's Gegenteil gab. Dabei geht man drauf, verstehst Du? Und fremde Hilfe will er nicht.“

Dann schweifte ihr Blick kreuz und quer über den See und sie fügte hinzu: "Tom war ein stolzer Mann. Stolz ist Robert vielleicht auch. Aber Tom hatte das Recht dazu. Er war mehrfacher Meister in seiner Wettkampfklasse und hat dafür auf vieles verzichtet. Letztlich auch auf mich, auf uns oder was daraus hätte werden können. Er hätte niemals jemanden in etwas hineingezogen, dass er nicht überblicken konnte."

Sie holte tief Luft und wollte den restlichen Wein auf unsere Gläser verteilen. "Los, stell daneben!", sagte sie lachend. Wie mir 'befohlen', so tat ich es und Strich an Strich wurden die Gläser befüllt. Mittlerweile war es elf Uhr und der Mond malte eine gelbe Straße auf den See.

"Kommst Du mit ins Wasser?", fragte mich Meta. Ohne meine Antwort abzuwarten, sprang sie auf und binnen weniger Minuten stand sie vor mir, warf mir ein Handtuch und einen Badeanzug zu. "Los komm! Das ist wirklich der Knaller. Wir schwimmen in den Mond!"

Es war noch immer schön warm und ich spürte, dass ich Zeit gewinnen konnte, Zeit, um... Doch ihre Europhorie steckte mich an. Das war plötzlich wieder Meta wie ich sie kannte. Sie schnappte meine Hände, zog mich nach oben und schwupp die wupp planschten wir im See und gackerten, wie Kinder, wenn sie etwas Verbotenes tun. Wir schwammen ziemlich weit raus und es war ein unglaubliches Gefühl... eine Mischung aus Ungewißheit und Freiheit.