Martha Sommerfeld

Die Wette - Teil Zwei

Die Firma Brunner's Mineralquell war ein traditionsreiches Familienunternehmen. Seit über einem Jahrhundert wurden hier alkoholfreie Getränke hergestellt, abgefüllt und weit über die regionalen Grenzen hinaus vertrieben. Meta hatte über Freunde den Tipp bekommen, dass dort ein Nachfolger für die PR-Abteilung gesucht wurde. Kurzerhand vereinbarte sie einen Termin. Das Fabrikgelände war sehr gepflegt und weitläufig. Die Klinkersteinfassaden der Produktionshäuser stachen ihr sofort ins Auge und fast ehrfürchtig lenkte sie ihre Schritte über den Kiesweg zum Haupthaus. Sie hoffte nur, dass es nicht auffiel, dass sie nur wenig über die Geschichte des Betriebes wusste. Das quadratisch gebaute Haus erstreckte sich über mehrere Etagen und mochte wohl an die vierzig Meter breit sein. Das Dach war von einer großzügigen Terrasse umzäunt, welche sicherlich erst nachträglich errichtet wurde. Meta spürte, wie die Eindrücke sie überwältigten, doch sie stand nun vor der großen, mit aufwendigen Intarsien verzierten Eingangstür und so drückte sie kurzentschlossen auf die Klingel. Hinter der Tür ertönte sofort ein tiefes Bellen, dass wenige Sekunden später eine freundliche Männerstimme wieder zum Verstummen brachte. „Sie wünschen?“  Vo ihr stand ein grauhaariger Mann, der nun freundlich das Gespäch eröffnete. „Guten Tag", strahlte sie zurück, mein Name ist Meta Liebich und ich habe um 17 Uhr einen Termin mit Herrn Brunner.“
„Oh ja, Frau Liebich, herzlich willkommen, treten Sie bitte ein. Mein Name ist Johann Klink und ich bin hier sozusagen das Mädchen für alles. Wenn Sie mir bitte folgen möchten
?!

Johann Klink erinnerte Meta sofort an einen Butler aus alten Filmen. Er war von jener vornehmen Zurückhaltung, die Meta sehr schätzte. In dem Hotel, in dem sie ihre Lehre und die ersten Arbeitsjahre verbrachte, gab es auch noch einen Portier dieser Klasse. Er kannte alle wiederkehrenden Gäste und wusste genau, welche Gesten er wann anzuwenden hatte. Manchmal ergab es sich, dass Meta mit ihm gemeinsam Dienst hatte und dann genoss sie es, wenn er die Zeit fand, um in Erinnerungen zu schwelgen und über alte Zeiten zu plaudern. Meta mochte Herrn Klink auf den ersten Blick und wie auf Knopfdruck war ihre Aufregung verflogen. Neben ihnen trottete ein caramelfarbener Labrador, der Meta nicht aus den Augen ließ. „Hier entlang bitte“, sagte Johann Klink und zeigte mit einer Handbewegung in Richtung einer Treppe, die dem Korridor folgte. Trotz einiger historischer Möbel wirkten die Gänge belebt und überhaupt nicht altbacken. Meta war fasziniert von den frischen Farben und dem geschmackvollen Ambiente. Sie stellte sich vor, wo sie hier wohl ihren Arbeitsplatz bekäme und sofern es sich irgendwie vereinbaren ließ, hatte sie schon jetzt beschlossen, den Auftrag auf jeden Fall anzunehmen.

Sie befanden sich nun im zweiten Obergeschoss, als Herr Klink auf eine große, weiße Flügeltür zu steuerte. In der Mitte des Raumes stand ein Tisch mit sechs Stühlen. Die Sonne brach sich im Spiegel an der Wand, der quer über einer Anrichte hing und somit den frischen Blumen darauf eine besonders kräftige Farbe verlieh. „Nun, da wären wir.“ Er deutete auf die Getränke, die auf dem Tisch standen. „Bedienen Sie sich ruhig. Herr Brunner wird jeden Moment hier sein.“ Er trat zum Fenster, um die Jalousien etwas herunter zu lassen. Meta legte in der Zwischenzeit ihre Tasche ab und blieb im Raum stehen. Der Hund tat es ihr gleich, nur das er sich setzte. Langsam schob sich die Schwanzspitze von einer Seite zur anderen. Sie wusste, dass das das Zeichen dafür war, dass er sich freute und am liebsten mit ihr spielen würde. „Komm Tamino“, lockte ihn Herr Klink, „wir gehen wieder runter.“ Tamino tat wie ihm befohlen und tapste zur Tür.

Wenig später saß Meta mit Gustav Brunner am Tisch und sie plauderten aufgeschlossen über dies und das. Schließlich lenkten sie fast beiläufig das Gespräch auf den eigentlichen Grund ihres Treffens. Herr Brunner machte sehr deutlich, dass er bislang mit der Qualität seines Mitarbeiters sehr zufrieden war. „Was ist passiert, dass sie dann trotzdem Ersatz für ihn suchen?“, erkundigte sich Meta etwas verwundert.
„Nun, er hat mich darum gebeten“, antwortete ihr Gesprächspartner sehr gefasst. „Er hat vor Jahren mal mit einem Freund eine Idee gehabt, dessen Verwirklichung diverse Genehmigungen nach sich zog. Nun sind diese gefallen und sie haben die Chance bekommen, ihre Idee in die Tat umzusetzen.“ Er stand auf und ging zum Fenster, um die Jalousien ein wenig mehr zu öffnen. „Da kann ich mich ihm doch nicht in den Weg stellen. Abgesehen davon, würde das sowieso nicht funktionieren. Nicht bei ihm.“ Meta fragte sich, ob Herr Brunner absichtlich verhinderte, einen Namen zu nennen. Sie studierte seine Gesten. „Es sind ja die letzten schönen Tage vor der grauen Jahreszeit, da sollten wir die Sonne nicht aussperren“, schweifte er ab und verharrte dann einen Augenblick in seinen Gedanken. Bevor er sich wieder setzte, schenkte er Wasser nach. Dann fuhr er fort: „Ich denke, er muss jeden Moment hier sein. Sie haben doch noch etwas Zeit?“
„Ja sicher“, winkte Meta gelassen ab.
„Er kann Ihnen nämlich am Besten erzählen, was er genau gemacht hat. Schade, dass wir uns nicht eher begegnet sind. Dann hätten Sie mehr Zeit gehabt und wer weiß, vielleicht wäre dann alles noch ganz anders gekommen. Ich denke, Sie werden gut mit ihm...“ Er beendete den Satz nicht, denn in diesem Augenblick öffnete sich die Tür und Carlos betrat den Raum.
„Darf ich vorstellen?“ begann Gustav Brunner in höflichem Tonfall.
„Nicht nötig“, raunte Carlos. „Wir kennen uns.“
„Oh“, überspielte der Gastgeber nun gekonnt seine Verwunderung und bot Carlos an, Platz zu nehmen. „Willst Du auch was trinken?“ Jedoch ohne die Antwort abzuwarten, drehte er ein Glas um und befüllte es ebenfalls mit Wasser.

Carlos war ein drahtiger Mann von Mitte Dreißig. Mitunter wirkte er fast ein bisschen schlacksig, aber niemals albern. Von ihm gingen eher Ruhe und Sicherheit aus. Bisweilen lag sein Fokus nur auf seinen Interessen. Er liebte seine Freiheit und machte daraus kein Hehl! Sein Herzblut steckte er gleichermaßen in die Arbeit wie in seine Freizeit. Was er machte, dass machte er mit vollem Arrangement und vor Allem machte er ungern Kompromisse. Sein Lebensinhalt ist das Leben und so zieht er wie ein einsamer Wolf - scheinbar ziellos – durch die Zeit, ewig begleitet vom Fluch seiner Extrovertiertheit. Er glaubt nicht an die Liebe und wenn man ihn fragt warum, ist er fest davon überzeugt, dass es niemals eine Frau an seiner Seite geben wird, die ihn so liebt, wie er ist; Eine, die seine Art von Aufrichtigkeit annimmt und weiß, dass die Stunden, die er ihr schenkt, ehrlich sind und nur frei für sie. Diese Art von Leben, ja quasi seine Sucht nach Freiheit und Individualität - so hat ihn die Erfahrung gelehrt - ist nicht geeignet für feste Bindungen. Und so besteht sein sozialer Halt darin, überall und nirgends zu sein.

Meta fühlte sich unwohl in der Stille, die eingetreten war, seitdem Carlos erschienen war. Auch empfand sie es etwas anmaßend von ihm zu behaupten, dass sie sich kannten. Sie waren sich ein paar mal begegnet und hatten, wenn überhaupt, oberflächlichen Smalltalk betrieben. Ein Gefühl der Unsicherheit beschlich sie. Natürlich! Er wusste, dass sie kommen würde und auch wer sie ist. Er wollte aber vielleicht gar nicht, dass sie seine Nachfolge antrat oder besser: er wollte jemanden, den er wirklich kannte. Bisher hatte sie nicht über Konkurrenten nachgedacht. Das hatte sie noch nie getan. Entweder die Chemie stimmte und dann fanden sich auch die Wege zu einem Konsenz oder aber, es war sowieso besser, wenn der Vertrag nie geschlossen wurde. Nur heute wäre es wohl wirklich besser gewesen, etwas mehr Hintergrundinformationen zuvor einzuholen. Um ihr Unbehagen zu überspielen, trank sie einen Schluck Wasser.

Herr Brunner ergriff wieder die Initiative und brach das Schweigen, in dem er sich an Carlos wandte: „Nun, umso besser. Ich habe Frau Liebich bereits ein wenig von uns erzählt und ich möchte Dich nun bitten, den Umfang Deiner Aufgaben zu beschreiben. Über die Details können wir dann ja ein andern Mal sprechen. Heute soll es nur darum gehen, Frau Liebich einen Einblick zu vermitteln und dann gemeinsam zu sehen, ob sich daraus eine Zusammenarbeit entwickeln lässt oder nicht.“ Innerlich hoffte Meta, dass sie sich irrte, dass Carlos nur ebenso unbeholfen vor der Situation stand wie sie und sie nicht generell ablehnte. Tatsächlich erzählte er sehr ausführlich über die letzten Aktivitäten, über regelmäßige, einmalige, jährliche und die Zeit verflog. Meta hörte gespannt zu. Schließlich endete das Gespräch in einer lockeren Atmosphäre und wenige Tage später unterschrieb sie den Projektvertrag mit Beginn zum Frühjahr des kommenden Jahres.