Martha Sommerfeld
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Kapitel Eins - Die Wette

Die Straße war menschenleer. Über den Wiesen hing ein dünner Nebelschleier und die aufgehende Sonne färbte den Himmel glutrot. Es war einer jener Sonnenaufgänge an die man denkt, wenn man von Urlaub träumt.

„Du musst jetzt links abbiegen und dann nach der nächsten Kreuzung immer nur geradeaus fahren, bis du links das große Firmengelände siehst. Es ist nicht mehr weit.“ Meta schaute irritiert in den Spiegel. Sie war allein unterwegs, wurde aber das Gefühl nicht los, dass jemand zwischen den Sitzen in ihre Richtung sah. Neugierig hielt sie am nächsten Parkhafen an, auch schon, um zu versuchen, das komische Gefühl des Beobachtetwerdens abzuschütteln. Sie wälzte die Karte und tatsächlich - dieser Weg war der Kürzeste. „Wenn ich das jemandem erzähle - die erklären mich alle für verrückt“, feixte sie amüsiert.

Ein wenig märchenhaft wirkte der kleine Ort, den sie wenig später durchquerte. Morgentau blitzte auf den Dächern und die einzigen Menschen, die man so früh schon sah, waren jene, die ihre Hunde Gassi führten. Kleine Straßen trennten die Häuser, die liebevoll mit Blumenbänken geschmückt waren. Sie ließ das Fenster herunter, denn sie liebte das Geräusch, wenn Räder übers Kopfsteinpflaster rollten. Sofort strömte der typische Kleinstadtgeruch auf sie ein, den man kaum beschreiben kann. Verträumt fuhr sie durch den Ort bis sie plötzlich ein lautes Hupen aus den Gedanken riss. Direkt vor ihr presste sich eine alte Dampflok durch dichten Rauch. Während Meta ruckvoll den Wagen zum Stehen brachte, polterte das nostalgische Monstrum an ihr vorüber. Sie starrte wie gebannt geradeaus und fühlte ihren Herzschlag im ganzen Körper. Der Schock erstarrte ihre Glieder. Als sie wieder zu sich kam, war die Lok fast am Horizont verschwunden und lautlos pufften nun die weißen Rauchwolken in die Morgenluft. Bizarr wirkte diese friedliche Szene unter Anbetracht der brenzligen Situation vor wenigen Augenblicken. Noch immer war ihr unerklärlich, wieso sie die Schranke nicht rechtzeitig gesehen hatte?

Sie stieg aus und schaute sich um. Die Zeit verstrich, aber der Übergang blieb versperrt und keine Menschenseele war zu sehen. Sie griff abermals zur Karte und wenig später wendete sie den Wagen. Eine kleine Straße schlängelte sich durch die Ortschaft und führte sie schließlich einen steilen, schmalen Weg hinauf, der sie direkt zurück auf die Landstraße brachte.
Meta atmete tief durch. Felder zogen an ihr vorbei, die durch kleine Baumreihen getrennt wurden. Sporadisch erhoben sich aufgescheuchte Vogelscharen in die Luft, um sich an der nächstbesten Stelle wieder niederzulassen. Doch plötzlich endete die Straße mit einer scharfen Linkskurve und führte sie steil hinab zurück in den Ort. Verwundert hielt sie inne. 'War sie wirklich im Kreis gefahren? Wie konnte das sein?'
Die Zeit verrann. Sie stand wieder vor der geschlossenen Schranke und der einzige Weg, der sie noch zum Ziel bringen konnte, war jener, den sie eben gefahren war. Dennoch, sie musste etwas übersehen haben. Meta schärfte die Sinne und wendete erneut. Jedoch fuhr sie diesmal noch langsamer, um nichts zu übersehen. „Bahnhofstraße“, las sie laut von einem Straßenschild ab und sprach mit ironischen Unterton weiter: „Super Scherz! Sackgasse ist irgendwie passender!“

Ratlos kroch sie durch den Ort, in dem mittlerweile das Leben erwachte. Autogeräusche und Wortfetzen vorbei laufender Menschen drangen an ihr Ohr. Niemand aber schien von ihr Notiz zu nehmen. 'Wie kann es sein, dass ich an einem so schönen Morgen in diesem Nest festhänge? Wo lang gehen denn die anderen Leute? Muss denn niemand außer mir über diese Schranke?' Ihr Hirn trommelte. Sie fragte Passanten und irrte dennoch endlos durch den Ort - immer und immer wieder versuchte sie, die Schranke zu umfahren. Doch wohin sie auch abbog, in welche Richtung sie auch fuhr, sie kehrte - immer und immer wieder - an diesen Platz zurück und wie es schien, gab es nur noch diesen einen Weg zu ihrem Ziel; ein Weg, der genau an dieser Schranke endete. 'Aber wie ist das möglich? Was ist hier los?’ Hilflosigkeit kroch durch ihren Körper. Das Ganze war so unglaubwürdig und doch so realistisch. Meta stoppte den Motor und griff zum Telefon. „Hah“, schniefte sie wütend und beförderte es kurzer Hand zurück in die Handtasche: “Natürlich! - Kein Netz... Warum auch?...“
 
Sie fiel schlaff in den Sitz. Ihr Blick bohrte sich durch die Fensterscheibe. Trotz Allem war sie ruhig und selber überrascht ob ihrer Gelassenheit gegenüber der schier unüberwindbaren Hürde, im Gegenteil, eher stolz auf die Akribie, mit der sie nach einem Ausweg suchte. „Und da sag noch einer, ich hätte keine Geduld!“ grunzte sie vor sich hin. Ihre Blicke scannten die  Umgebung, als sie plötzlich hochschreckte, weil sie bei der Rumsucherei komplett die Zeit vergessen hatte. Die Uhr auf der Armatur stand auf 06:06 Uhr. Erleichtert atmete sie durch.
Da ertönte aus der Ferne wieder ein Signal. Es war leise, sehr leise und sehr weit weg: Fiiieeeeeeep Fiiieeeeeeep Fiiieeeeeeep Fiiieeeeeeep Fiiieeeeeeep Fiiieeeeeeep Fiiieeeeeeep... Konstant und eindringlich ging es so in einem Fort. Es klang fast wie eine Alarmanlage?! In der Hoffnung einen Hinweis zu entdecken, drehte sie sich um. Dabei streifte ihr Blick nochmals die Uhr. Ein Blitz schoss durch ihren Kopf: '06:06 Uhr?! - Das ist kein Alarm - das ist der Wecker!’
Sie riss die Augen auf und starrte auf die Anzeige ihrer Uhr. Es war tatsächlich sechs Uhr sechs! Benommen schraubte sie sich aus dem Bett und schlurfte in die Küche. In ihrem Kopf wirbelten noch die Bilder von ihrem merkwürdigen Traum. Doch augenblicklich verspürte sie kein Verlangen, weiter darüber nachzudenken. Völlig mechanisch aktivierte sie den Wasserkocher und schaute hinaus in den grauen Morgen, als es plötzlich klingelte.

Es klingelte ein zweites Mal, bevor sie reagierte. 'Wer konnte das sein um diese Zeit?'
„Hallo?“, flüsterte sie fragend in den Hörer der Gegensprechanlage.
„Carlos hier“, tönte es aus dem Lautsprecher. Wie ferngesteuert drückte sie auf den Summer. 'Carlos? Was will der denn so früh hier?’ Sie öffnete die Tür und sah zu, wie er sich die Treppen nach oben hangelte. Schließlich trat sie einen Schritt zurück, um ihn durchzulassen. Es hatte nicht den Anschein, dass er nur etwas abgeben wollte.
„Morjen“, begrüßte er sie im Türrahmen, drückte ihr einen leichten Kuss auf die Wange und zog seine Jacke aus, die er dann wie selbstverständlich über einen kleinen Hocker warf.
„Moin Moin“, grüßte sie zurück und grinste ihn an: „Was verschafft mir die Ehre?“
„Och, ich bin im Taxi eingeschlafen.“ Er hüpfte auf einem Bein hin und her, bemüht beim Schuhe ausziehen das Gleichgewicht zu halten: „Darum hat mich der Fahrer hier vorne am Stand rausgeschmissen. Und da du auf meinem Heimweg wohnst, dachte ich, ich klingle einfach mal. Naja, und nun bin ich hier…“
„Sehr schön!“, lachte sie und schüttelte den Kopf. „Es ist sechs Uhr morgens. Du hast Glück, dass ich schon wach bin. Ich bin nicht sicher, ob ich es sonst gehört hätte.“
„Naja, dann hätte ich eben Pech gehabt.“
„Achso...na dann!“ Meta betrachtete ihn skeptisch und ging zurück zur Küche. Das Wasser kochte inzwischen. „Willst du auch 'nen Kaffee?“
„Nöh!“, sagte er und ließ sich in einen Stuhl am Küchentisch fallen.
„Irgendwas anderes?…“
„Nöh!“

Meta wohnte direkt unterm Dach. Die Wohnung war hell und geräumig und der Atelierschnitt verlieh ihr einen individuellen Charme. Küche, Wohnzimmer und Flur bildeten einen Raum. Meta stand an der Anrichte und sah dem blubbernden Wasser zu, wie es durch den Filter lief. Und Carlos saß da und schaute ihr dabei zu. Für einen kurzen Moment war es still und man hörte nur, wie der Kaffee in die Kanne plätscherte.
„Ich habe übrigens unsere Wette gewonnen“, unterbrach sie das Schweigen. Mit einem leichten Nicken zeigte sie auf eine Flasche Lambrusco, die ganz unten im Weinregal lag. „Hab Dir doch gesagt, dass so etwas bei uns niemand anrührt.“
„Nun“, gab Carlos zu bedenken, „im Grunde habe ich gewonnen.“
„Wieso das denn?“, empörte sie sich.
Jetzt nickte er mit dem Kopf leicht nach rechts, bevor er antwortete: „Naja, die Wette war, dass sie da“, er richtete seinen Finger zur exakten Angabe der festgelegten Position in Richtung Fensterbank, „ein Jahr lang unverändert stehen muss.“
"Stand sie ja“, konterte Meta. „Aber das Jahr war vor zehn Wochen um. Also hab ich sie weggeräumt.“
„Siehste“, entgegnete daraufhin Carlos und lehnte sich zurück. Die Beine weit ausgestreckt, die Hände locker im Schoß liegend, verfolgten seine Blicke Metas Handgriffe.
„Wie siehste? – ich habe gewonnen. Da gibt’s nichts zu sehen.“
Sie lachte amüsiert und setzte sich zu ihm an den Tisch. „Hättest Du halt mal eher wieder vorbei schauen müssen.“
"Du warst ja verschwunden.“
"Was war ich?“
„Na verschwunden. Niemand wusste, wo Du bist. Bis gestern Abend.“
„Das glaub ich ja wohl nicht. Warum hast Du mich nicht angerufen, dann hättest Du gewusst, wo ich bin?!“
"Hab ich ja, aber Du hast nicht geantwortet.“
„Wann?“, fragte sie bestimmt.
„Na als wir uns in der Bar getroffen haben, als Du da mit so 'nem Typen am Tisch gesessen hast und erst beim Losgehen gesehen hast, dass ich auch da war.“
„Carlos, das war im vergangenen Sommer. Wir haben jetzt April. Und Du hast mich nicht angerufen, sondern vom Heimweg aus eine sms geschickt: 'upps' war alles, was darin stand. Sorry, aber was hätte ich Dir darauf antworten sollen?“
„Keine Ahnung. Irgendwas!“
„Du hast 'nen Knall!“ Mit breitem Grinsen sah sie ihn an und schüttelte fassungslos den Kopf. Sie war sich nicht sicher, ob er das ernst meinte oder nicht.

Überhaupt kannte sie ihn eigentlich nicht. Sie waren beide seit ihrer Kindheit aktive Sportler und so konnte man eher sagen, dass sie sich bei den Wettkämpfen begegnet waren. Lediglich die Zeit dieser Gemeinschaft verwebte ihre Namen, weniger jedoch gemeinsame Erlebnisse. Damals traten sie für unterschiedliche Vereine an, was sie heute wieder taten. Nur waren inzwischen fast zwanzig Jahre vergangen und der Zufall wollte es, dass Meta jetzt in dem Club Mitglied war, in dem Carlos seine Jugend verbrachte. Und sie wohnten heute im gleichen Stadtteil; aber das war auch schon alles, was sie wirklich verband.