Martha Sommerfeld

Sommerwind, Teil Zwei

Seine halbe Kindheit hatte er in einem kleinen Fischerdorf verbracht und er kannte wahrscheinlich alle Fischgerichte dieser Welt. An seinen Vater erinnerte er sich kaum noch. Er war, wie die meisten Männer des Dorfes, Fischer gewesen. Etwa als Jo fünf Jahre alt war,  griff eine große Flaute um sich. Nahezu alle Familien kämpften ums Überleben und die Fangmanöver wurden immer waghalsiger. An einem Morgen war sein Vater mit einigen Männern noch früher als sonst losgefahren, um noch weiter hinauszukommen. Sie ignorierten in ihrer Verzweiflung die Signale des sich ankündigenden Orkans und machten die Leinen los. Noch Wochen danach ging er mit seiner Mutter hinunter zum Anlegeplatz. Doch als der Winter einbrach, gab sie die Hoffnung um ihren Mann auf. Einige Jahre später hatte sie wieder geheiratet und sie zogen in die näher gelegene Hafenstadt. Mit seinem Stiefvater wurde er aber nie richtig warm; es war mehr ein Ertragen, als ein Vertragen. Dennoch verdankte er ihm einen passablen Schulabschluss und diverse Privilegien in den Ferien. Erst viel später relativierten sich für ihn die Umstände und er verstand die Entscheidung seiner Mutter, aus dem Fischerdorf fortzugehen, dass er so sehr liebte. Seine Ferien verbrachte er ausschließlich bei seinen Großeltern. Hier fing er seinen ersten Fisch und hier verliebte er sich in Gunda. Als sie ging, um zu studieren, wollte auch er nicht mehr dorthin zurück, überlegte - aber nicht sehr lange - was er tun könnte: Das Wasser hatte ihn schon immer fasziniert; Physik hatte ihn immer interessiert; Sein Vater war im Meer geblieben. Also wollte er Schiffe bauen! Große Schiffe! Sichere Schiffe! Und damit dann später Gunda erobern, seine große Liebe!

Aber in der Werft waren keine Stellen mehr frei und dieser Traum zerplatzte, wie eine Seifenblase. Kurz entschlossen heuerte er auf dem Frachter seines Stiefonkels an, um nicht betteln zu müssen. Darüber vergingen die Jahre und als dieser letztlich in den Ruhestand ging, hatte er die Geschäfte übernommen und kurzer Hand weiter geführt. Und er liebte was er tat... Er liebte es, die Basare zu durchqueren, das Werben und Heuern und Preisen, den Handel, den salzigen Geruch, der am Hafen die Luft prägte. Er liebte die sehnsüchtigen Klänge, die aus den Bars drangen, in die er selber kaum ging. Er liebte das Geklapper der Kähne, das Knarzen der Seile, das Pfeifen des Windes. Er liebte diese gesamte, verdammte Atmosphäre!

Mit den Jahren hatte er alle Meere mehrmals durchfahren, hatte viele Länder gesehen und bis heute freute er sich wie ein kleiner Junge, in fremden Häfen anzudocken. Eines Tages wollte er einen Hafen finden, an dem noch niemand war. Davon träumte er, wenn er träumte...

Seine Heimat hatte er vor Jahren das letzte Mal gesehen. Aber er tröstete sich mit den Erinnerungen. Die Marktplätze unterschieden sich zwar äußerlich, doch die  Geflogenheiten, die er aus dem heimatlichen Hafen mitgenommen hatte,  fand er an allen Orten dieser Welt: Das verzerrte Stimmengewirr im Wind, das hektische Treiben, das immergleiche Ticken,  das tief dröhnende Hupen der Schiffe, wenn sie den Hafen verließen. Der Geruch von Rauch, Fisch und Meer - das gab ihm seine Heimat. Seine Heimat war das Meer, die Häfen dieser Welt!

"Wir sind gleich da", tönte die Eule "mach dich bereit!" und riss ihn mit einem leichten Ruck aus seinen Gedanken. Er sah hinab und unter ihm bot sich ein faszinierendes Schauspiel. Voller Entzücken sah er auf  ein grün-türkieses Fleckchen Erde und ein zarter, hinreißender, eindringlicher Duft schlug ihm entgegen. Er war völlig benommen von diesem herrlichen Geruch. Er flog vorbei an weißen Stränden, durchzogen von üppiger Flora, sah Delphine in den Wellen spielen und am Ufer Farben funkeln, die er noch nie zuvor so gesehen hatte. 'Was ist das hier, wenn es kein Traum ist?' Er schüttelte den Kopf, als wolle er zur Besinnung kommen. Als er die Augen wieder öffnete, zog er in Kreisen weiter und weiter von dieser Insel fort - höher und höher und höher – gleichmäßig wie in einer Spirale.
"Hey, was ist los? Ich denke, wir landen?!", hörte er sich rufen. Doch die Eule antwortete ihm nicht. Sie war beim Anflug in eine Thermik geraten, breitete nur die Flügel aus und ließ sich langsam treiben, gefangen im Sog eines Luftstroms stiegen sie Meter um Meter, getragen vom Gefühl der Schwerelosigkeit,weiter hinauf, dem Rausch folgend und sie nahm ihn, Sir Käpt’n Jo, einfach mit... Er wollte sich gerade empören, doch dann ließ er sich fallen.  Die Insel unter ihm wurde kleiner, sein Blick verirrte  sich wieder in dem Blau des Ozeans und er fühlte sich frei, benommen von einem unbekannten Gefühl des Glücks ergab er sich dem Schicksal. Und er lachte schon wieder. Er jubelte, ja er schrie geradezu. Das gurgelnde Gefühl in seinem Bauch hämmerte ununterbrochen in ihm.
"Aaaaaaaaaaaaaaaaaaah...!"

Er ließ die Füße fallen, hielt sich mit den Händen am Revers seiner Jacke fest und senkte seinen Kopf weit nach hinten. Über sich sah er die Eule, die völlig lautlos ihren Flug genoss. Er gab es auf, darüber nachzudenken, was hier eigentlich geschah. Er gluckste vor Amüsiertheit, fühlte wie der Wind unter ihm seine Beine verwirbelte, fühlte ein Kitzeln und Krabbeln am ganzen Körper. Er dachte nicht mehr daran, wieso er erlebte, was er erlebte. Selbst an die Eule dachte er nicht mehr. Er ergab sich dem Hochgefühl, dankte dem Mojito und wünschte sich, dass es nie nie nie endete.  Er ahnte nur, dass es nicht der Drink war, doch wissen wollte er es nicht.  Er ließ sich treiben und fühlte sich zum ersten Mal so frei wie nie!

Die Eule sah herab, lächelte und für ihn unmerklich setzte sie zur Landung an.
"Ja! So ist es schon besser!", feixte sie.