Martha Sommerfeld

Sommerwind, Teil Vier

Er verweilte noch so, als eine alte Frau seinen Weg kreuzte: "Junger Mann, können sie mir kurz mit den Taschen helfen? Bitte?!"
'Na das nenn ich Gegensätze', dachte er und lachte.
"Klar doch!", hörte er sich antworten und sprang zu ihr herüber, irgendwie froh, etwas tun zu können. Er verlud die Taschen in eine alte Limousine: "Darf ich fragen, wohin die Reise geht?" Ihre Augen strahlten eine Wärme aus, die er nie zuvor gesehen hatte, die ihn aber auf wundersame Weise an seine Großmutter erinnerten.
"Sie sind noch nicht sehr lange hier, nicht wahr, mein Sohn?"
 "Nein. Ich glaube ich bin gestern hier gelandet."
"Achja! Gestern also!"
Sie lächelte milde, scheinbar wissend,  "...sie werden hier Antworten finden, suchen sie sie nicht!"
Verwundert sah er die Alte an. 'Woher weiß sie, was ich denke?' und er steuerte gegen: "Aber wovon soll ich hier leben? Ich bin Seemann, wissen Sie und ich weiß noch nicht genau, wie, aber ich nehme an, ich habe Schiffbruch erlitten. Und etwas anderes als Handel betreiben, kann ich nicht."
"Das können Sie ganz sicher, junger Mann!"
Ihr Blick wandte sich ab und richtete sich nun an den Chauffeur, dem sie mit einem Zwinkern bedeutete, ohne sie loszufahren.
"Wie, wissen Sie, wo mein Schiff ist?"
Sie blieb stehen und musterte ihn, als ob sie abzuschätzen versuchte, wieviel sie ihm anvertrauen durfte. "Kommen Sie, wir gehen ein Stück gemeinsam."

Er verstaute den Pensionsschlüssel in seiner Hosentasche. Jo war nicht sicher, was hier geschah, aber für einen Traum war es eindeutig zu lange. Er bot der alten Dame seinen Arm an und spürte schon wieder ihren forschenden Blick.
"Sagen Sie mir eins", schoss er los. "Bin ich tot?"
"Fühlst du dich denn so, mein Sohn?"
"Nein, eigentlich nicht", murmelte er, "aber es ist alles so ungewöhnlich hier. Ich bin ein sehr bodenständiger Mensch, wissen Sie. Ich kenne viele Orte, aber so unsicher habe ich mich noch nie gefühlt.  Und irgendwie scheinen hier alle Menschen auch ganz herzlich zu sein; aber wo ich hier bin, wovon ich leben kann,  weshalb ich hier bin, das sagt mir niemand."
"Das ist so sicher nicht ganz richtig."
Er sah sie an. "Sie meinen…?"
Plump überwand er seine Scheu darüber zu sprechen.
"Richtig! Wir alle kamen so."
"... die Eule?!", hörte er sich den Satz beenden.
Sie lachte. "Ja,... vielleicht war es eine Eule- vielleicht ein Drachen, ein Bild, ein Stern..."
"Ich kam gestern. Also ich vermute, dass  es gestern war, mit ihr, dieser Eule, hierher. Aber nun ist sie fort."
Er ahnte seine Chance auf eine Antwort und er wollte sie. Schließlich überwand er seine ganze Benommenheit. Wahrscheinlich würde er diese alte Dame nie wieder sehen, was also tat es zur Sache, ob er sich ihr gegenüber öffnete.
"Das ist sie ganz sicher nicht, mein Sohn. Sie hat dich gefunden und sie ist dir nahe, da bin ich sicher."
"Aber warum kann ich sie nicht sehen, warum bekomme ich keine Antworten auf meine Fragen? Was tue ich hier? Warum will ich nicht weg und fühle mich aber doch so unsicher?"
"Wenn dein Weg sich gabelt, weiß dein Herz die Richtung. Danach leben alle hier. Frage nie warum? Es gibt keine Antwort. Die Antworten auf all deine Fragen sind in dir. Die Antwort bist du!"

Scheinbar aus dem Nichts hielt vor ihnen ein Auto. Es war dasselbe, in welchem er die Taschen verstaut hatte. 'Warum hat das eigentlich nicht der Chauffeur getan?'. Grübelnd sah er der alten Dame beim Einsteigen zu und so unmerklich, wie sie gekommen war, war sie auch wieder verschwunden.
Die Hände tief in seine Taschen vergrabend, senkte er den Blick und trottete den Weg allein zurück. '...die Antwort bist du!'  Er verspürte den Wunsch, aufwachen zu wollen!

Ziellos lief er die Straßen entlang und landete schließlich an einer kleinen Bucht, wo er sich niederließ und auf die Wellen starrte. Der erste Rausch war verflogen. Und nun? 'Wie spät ist es wohl?' Er verspürte eine starke Sehnsucht nach seinem Schiff, seinem Gefolge,  seinem vertrauten Tagesablauf. Das Wasser umspülte seine Füße und Stimmen drangen aus der Ferne an sein Ohr. Er schlief ein...

Ein lautes Hämmern riss ihn jäh aus seinem Schlaf. Wo kam das her? Um ihn herum war es dunkel und ein leichtes Schaukeln bewegte seine Umgebung. "Käpt’n, Sir? Darf ich eintreten?"

pock pock pock

"Ja, Anton. Treten Sie nur ein.", hallte seine Stimme durch die Kajüte.
Jo lag auf seinem Bett und vor seinem Fenster flog der Himmel vorbei. Benommen richtete er sich auf. 'Was für ein merkwürdiger Traum...' Schlaff lagen seine Arme auf der Bettdecke.
"Fühlen Sie sich nicht wohl, Sir?", eröffnete der Erste Offizier das Gespräch.
"Anton, wie lange kennen uns?"
"Sir, fast auf den Tag genau sind es nun gleich acht Jahre."
"Wie spät ist es?", fragte er betonungslos.
In diesem Moment machte sich ein mulmiges Gefühl in seiner Magenhöhle breit. 'Wie lange habe ich geschlafen?'
"Welchen Tag haben wir, Anton?"  Er stellte die Frage, ohne die erste Antwort abzuwarten.
"Es ist Montag, Sir und die Mannschaft ist versammelt zum Morgenappell. Ist alles in Ordnung, Sir?"
Jo blickte ihn mit müden Augen an. "Anton, es ist schön Sie zu sehen. Bitte übernehmen Sie heute. Ich muss wohl gestern etwas Falsches gegessen haben, mir geht es irgendwie nicht gut."
"Jawohl Sir und gute Besserung!"
Anton schlug die Hacken aneinander und schickte sich salutierend an abzudrehen. In all den Jahren war dies der erste Tag, an dem ihm sein Chef so begegnete.
"Anton?" Jo blickte ihn hilflos an. "Darf ich Ihnen eine persönliche Frage stellen?"
Anton wusste nun, dass dies kein gewöhnlicher Tag war. "Gern Sir."
"Wann haben wir uns das letzte Mal gesehen?"
"Gestern morgen, Sir"

Erleichtert stand Jo auf und ging auf’s Deck. Wie befreit streckte er die Arme in die Luft, gähnte ausgiebig und machte sich daran,  die Arbeit aufzunehmen, als ihm plötzlich ein süßlicher Duft in die Nase krabbelte. Er drehte sich um. 'Die Insel!' schoss es ihm durch den Kopf. 'Nein, nein, nein!' Lachend schüttelte er den Kopf. "Jetzt ist es genug!"  Doch kurz darauf erstarrte sein Blick. Auf seinem Lehnstuhl saß die Eule, die ihn gestern entführt hatte...  Ein warmes Glücksgefühl durchzuckte ihn. Am liebsten hätte er sie gestreichelt, tat es aber nicht. "Soso, du bist also immer in meiner Nähe!", hauchte er und dachte an die Worte der alten Dame zurück. Heute scheinen sich Traum und Wirklichkeit zu vermengen.' huschte es durch seine Gedanken und ein Grinsen überzog sein Gesicht. 

Entspannt atmete er noch einmal tief durch, fühlte sich mit einem Mal unerklärlich gut ausgeruht und voller Energie, als er die Hände in den Hosentaschen versenkte, um den Weg zur Brücke anzutreten. Und abermals hielt er inne. In seiner Hand fühlte er die Schlüssel. Er umklammerte sie und ihm war, als hörte er ihre Stimme in der Ferne. Doch ein dumpfes Poltern riss ihn aus seinen Erinnerungen und er spürte  eine raue Zunge an seinem Unterarm. Etwas Warmes drückte sich gegen ihn… Ist das ein Hund? Er fühlte deutlich das Fell an den Fingern. 'Wo kommt denn auf einmal ein Hund her?' Eine feuchte Nasenspitze stupste gegen sein Gesicht. Er drehte sich um...

Und Meta öffnete die Augen. Neben ihr saß ihre Hündin Frieda. Auf ihrer nächtlichen Tour hatte sie sie natürlich gefunden. Schlaftrunken umklammerte sie das Tier und einige Zeit verging, bevor sie aufstand. Die Dunkelheit verschluckte den Klang ihrer Schritte. Matt schimmerte das Licht aus Roberts Büro. Sie lehnte sich an die Wand der Garage und beobachtete fassungslos sein Treiben.  Es war ein Uhr nachts und sie war müde. Robert  unterbrach sein Spiel nicht, als sie sich verabschiedete. „Machst du noch lange?“, fragte sie kraftlos. Er raunte nur:  „Nein, nein...“, während er weiter mit einem virtuellen Gefährt über den Bildschirm raste, „ist aber das letzte Rennen für heute. Ich komme auch gleich.“ Sie drückte ihm ihre Wange an seine, zog die Hand von seiner Schulter und ging nach oben. Frieda trottete ihr hinterher.