Martha Sommerfeld

Sommerwind, Teil Drei

Jo erwachte von dem sandigen Gefühl zwischen den Fingern. Er setze sich auf und versuchte sich zu orientieren. Sie Sonne schien herzlich auf ihn herab. Rhythmische Klänge drangen aus der Ferne an sein Ohr. Es war Musik, die er kannte.  Doch als er sich umsah, prägten Sand, Steine, und angespülte Muscheln seine Umgebung.
'Woher kommt die Musik? Gab es gestern noch Sturm?...' Er stand auf und klopfte sich den Sand aus den Sachen. In seinem Kragen fand er eine weiche, helle Feder, bestaunte sie unsicher und vergrub sie in seiner Hosentasche. 'Die Eule! Richtig, da war diese kleine Eule...' Nach Erinnerungen suchend stapfte er ziellos durch den Sand am Ufer entlang. Motorisch zog es ihn weiter der Musik entgegen.
Ihn überkam ein Schmunzeln. 'Ich träume, das ist sicher, aber diese Art von Traum ist abgefahren!'
Er ertappte sich dabei, nicht aufwachen zu wollen und trottete weiter durch den Sand, immer weiter einer unbekannten Gesellschaft entgegen. In allen Häfen dieser Welt, war er immer vorsichtig gewesen, egal wie oft er bereits dort verhandelt hatte, egal, ob er glaubte alle Geflogenheiten zu kennen. Doch hier setzte er unbeirrt seinen Weg fort. Er wusste, dass er nichts zu befürchten hatte, aber woher er diese Sicherheit  nahm, war ihm selber unerklärlich.

Die Musik wurde lauter, ein pulsierender Rhythmus vermischte sich mit markanten Stimmen, deren Texte er nicht verstand, jedoch deren Intensität, deren Kraft in ihm die Abenteuerlust weckte. Er war gepackt vom dem Verlangen nach Freiheit.

'Funny Sunday, die Insel der sich erfüllenden Wünsche', so hatte es ihm die Eule vorgestellt und er war ihr, der Eule, aus Neugier und Zeitüberfluss gefolgt, hatte sich nicht einmal gewährt. Und nun?  Nun war er hier, in einer fremden Welt. Allein!

Er ließ sich rücklings in den Sand fallen und suchte nach Steinen, um mit ihnen nach den Wellen zu werfen. Er dachte zurück an die Tage, die er so gerne verdrängte. Die Stunden vergingen. Der Tag neigte sich dem Ende und langsam versank die Sonne im endlosen Meer. Unter all dem hatte er noch nicht einmal Hunger, aber er verspürte Durst. Der Wunsch nach einem kalten Wasser trieb ihn auf und er beschloss, morgen einen Plan zu entwerfen, wie es hier weiter geht und so mischte sich unter die wogende Menschenmenge. Niemand schien zu bemerken, dass er fremd war. Er trank, lachte, kostete von unbekannten Speisen, tanzte, trank, ganz sicher nicht nur Wasser. Aber es beglückte ihn, trug ihn - hinaus in die Nacht...

Benommen vom Trubel der Ereignisse kam er zu sich. Er massierte seinen Nacken, streckte die Glieder. 'Welch Rausch das hier auch ist, er hat es in sich.' Die Sonne stieg über den Horizont und ließ die Stände, die ihn gestern so schillernd verführt hatten,  in einem viel schlichteren Kleid erscheinen. Doch sie waren noch immer schön. Das Leben schlief. Der Boden war hart und eine leichte Brise zog über das Land.

'Ich brauche ein Hotel oder was immer es hier gibt!' Geprägt von seiner Idee durchforstete er im Morgengraun die Straßen der schlafenden Stadt. Die Luft war  durchzogen von diesem lieblichen Duft, der ihm hier ständig begegnete.

"Mögen Sie vielleicht einen Kaffee?", fragte eine freundliche Stimme in seinen Rücken.
Er drehte sich um. "Oh, das ist sehr freundlich."
Und überrascht fügte er noch hinzu: "Sie sprechen meine Sprache?"
Sie schmunzelte, während er sich über seine spürbare Unsicherheit ärgerte. "Milch, Zucker?", frage sie.
"Ja gern." Er räusperte sich verlegen: "Ähm…- gern Milch, Danke!"
"Wenn sie möchten, können sie erstmal hier bleiben. Wann sind sie gelandet?"
'Gelandet!' Wie ein Messerstich bohrten sich die Worte in seine Gedanken. 
Betört stotterte er: "… ja sehr gern, das ist sehr freundlich, aber ich habe nichts, ähm… um mich bei Ihnen zu revanchieren."
"Keine Sorge, das wird sich ergeben!"
Ihr Lächeln überbot den Sonnenaufgang und es war lange her, dass er einer Frau sofort so verfallen war. Seine Knie schienen zu schmelzen und mitunter spürte er das unbedingte Verlangen, besser zu schweigen, als etwas Falsches zu sagen.

Sie saßen auf dem Treppenabsatz und plauderten über Gott und die Welt. Anfangs hatte er ihr geantwortet. Je länger er jedoch neben ihr saß, desto mehr faszinierte ihn ihre Art des Plädoyers, ihre Art, über die Dinge zu philosophieren. Er versank in ihren Worten, genoss, wie sie ihre Lippen bewegte, wie sie die Sätze mit den Händen untermalte, wie sie sprach. So offen und doch überhaupt nicht aufdringlich. Plötzlich schaute sie auf die Uhr: "Oh, ist es schon so spät?". Sie stand auf. "Kommen Sie, ich zeige Ihnen das Zimmer und wo Sie sich waschen können."
Er war bemüht, die Haltung zu wahren. Das alles hier war aufregend und schön und so plötzlich beendet. Es gab so vieles, was er hätte sagen wollen und nun wusste er noch nicht einmal, wer sie war und ob er sie wieder sehen würde. Aber er wollte den ersten Eindruck nicht mit Aufdringlichkeit beenden.

'Blöde Frage, diese Insel ist so klein, sicherlich wirst du sie wieder sehen!' hackte sein Teufelchen auf ihn ein. ‚Sie vermietet dir gerade ein Zimmer!’
'Ich würde da ja nicht so sicher sein!', hielt das Engelchen dagegen. 'OK, ich lebe noch! Soviel ist sicher! Euch zwei habe ich richtig vermisst.'
Kopfschüttelnd folgte er ihr, antwortete beiläufig, bemerkte nicht ihre amüsierten Blicke, bevor sie zum Abschied sagte: "...und das hier ist ihr Schlüssel. Der Breite ist für die Außentür, der Kleine für das Zimmer." Sie versenkte einen Hauch von Kuss an seinem Ohr und stieg in Ihren Pickup.

Verlegen rieb er sich mit der Hand am Kopf und sah ihr nach."Was muss ich zahlen, was kostet das Zimmer?!", stammelte er tonlos, über die Stufen stolpernd, beim Versuch ihr nachzulaufen. Doch sie fuhr los, ohne eine Antwort, wahrscheinlich ohne ihn zu hören.