Martha Sommerfeld
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Kapitel Drei, Sommerwind

Meta trat hinaus in die Nacht und ließ Robert mit seinem Willen zurück. Es duftete herrlich nach frischem Heu und sie ging hinunter zum See. In den seichten Wellen spiegelte sich das Mondlicht. Der Himmel war von Sternen übersät und sie umgab eine märchenhafte Stille. Meta verkroch sich auf Nachbars Bootssteg und verspürte kein Verlangen, ihren Standort zu wechseln an diesem lauen Sommerabend. Robert jedenfalls würde sie nicht vermissen, soviel war sicher. Denn Robert war Spieler. Nicht im hausgebräuchlichen Sinn, wie sie es war  oder viele ihrer Freunde.
Nein!
Er zockte – er zockte tatsächlich ums große Geld; um seine Firma, seine Existenz und schließlich somit auch um ihre. Das Glück war ihm hold gesonnen, solange er nichts zu erzwingen brauchte. Aber es häuften sich die Tage, an denen es Verzweiflungstaten wurden – natürlich ohne Erfolg! Das Schlimmste aber daran war, dass er es verleugnete, schlichtweg bestritt. Er war süchtig! Es würde immer wieder einen Grund geben, warum er es versuchen wollte. Und er würde immer bemüht sein, das Risiko herunterspielen und nicht verstehen können, dass Außenstehende – wie sie mittlerweile Eine war - diesem Glauben nicht folgen konnten. Vor Allem aber, und das war das Aussichtslose für die Zukunft, würden alle normalen Ideen keinen Anklang finden. Zu müßig erschien der Weg...

Der Wind frischte kurz auf und ein kühler Luftzug streifte ihre Haut. Wie verzaubert stierte sie ins Wasser. Vor einer Woche hatte sie auch abends am Wasser gesessen, nur in Bremen an der Weser. Sie lehnte sich ans Geländer und schloss die Augen. Aus der Ferne zog das tiefe Dröhnen eines Frachters durch die Nacht.

Die Wellen schlugen gegen die Uferbefestigung, als sich das Schiff langsam an ihr vorbei schob. Bordgeräusche drangen bis zu ihr herüber und mit matter Stimmer flüsterte sie: "Bitte, nehmt mich mit..." Ihre Glieder wurden warm und plötzlich sah sie, wie der Frachter auf den Wellen des Meeres ankerte. Käpt'n Jo verzog sich auf sein Deck und flegelte sich in seinen Liegestuhl. Tausend Gedanken durchkreuzten ihn, keinem vorbehalten, ihn wirklich zu verfolgen. Er genoss es, so zu schwelgen, genoss die warme Nachmittagssonne, das seichte Plätschern der Wellen, die sich am Bug brachen und das Kreischen der Möwen, die mit ihnen reisten. Dieser Tag voller Ruhe gehörte ihm und er ließ sich treiben. Sein Blick verlor sich am Horizont.

Mit einem Mal wirbelte in der Ferne ein kleiner, brauner Punkt durch die Luft, der sich langsam auf ihn zu bewegte. 'Was zum Kuckuck ist das denn', durchfuhr es ihn, nun auch noch sehr stark von einem hellen Licht geblendet. Das Surren wurde lauter und kam in großer Geschwindigkeit auf ihn zu. Es wurde immer lauter, kräftiger und plötzlich  - saß eine kleine Eule auf seinem Schoß.

"Ich bin gekommen, um dich ins Land der Funny Sundays zu holen", sagte die Eule völlig außer Atem und deutete mit einem Flügel auf sein Glas. "Ich bin weit geflogen und sehr durstig.  Darf ich mir einen kleinen Schluck nehmen?" Käpt’n Jo rieb sich die Augen. Träumte er? Vor ihm saß eine sprechende Eule, ein so zartes Geschöpf an einem sonnigen Nachmittag  inmitten der Weiten des Ozeans. Verstohlen blickte er sich um, bevor er antwortete: "Ja, sicher, trink nur soviel du möchtest."
Der Liebreiz dieses possierlichen Tierchens hatte ihn bereits verzaubert und er hoffte nur insgeheim, dass ihn niemand an Bord mit einem Tier reden hörte ... und er schwor sich, dass dies der letzte Mojito in seinem Leben gewesen war! Ganz sicher! Er räusperte sich und setzte sich auf.

"Das tut gut", sprach die Eule weiter, nachdem sie das Glas fast in einem Zug geleert hatte. Sie drückte ihn zurück in die Lehne und fuhr fort: "Keine Angst, du bist nicht verrückt. Funny Sunday Island ist die Insel der sich erfüllenden Wünsche. Sie ist in keiner Karte verzeichnet. Nur meine Gebieterin entscheidet, wer unsere Insel betreten darf. Eure Route verfolgt sie schon seit einigen Wochen und möchte euch gern eine Audienz gewähren. Seid ihr bereit mir zu folgen?"
Den alten Seebären durchzuckte ein warmes Gurgeln, das im Magen begann und sich auf alle Körperteile auszudehnen schien. Er fühlte sich wohl, aber wie gelähmt und sah die Eule mit durchdringendem Blick an. Während er sich noch einmal umdrehte, hob es ihn, wie von Geisterhand getragen, aus seinem Stuhl. Kleiner und kleiner wurde das Schiff und er sah das Meer aus einer ganz anderen Sicht. Die Eule hatte ihn am Kragen gepackt und trug ihn mit sich.
'Was geschieht hier?' Er wollte die Hände heben, um sich erneut die Augen zu reiben, doch der Wind drückte so stark gegen seinen Körper, dass er sie kaum bewegen konnte. Er begann zu lachen und grölte aus voller Kraftt. Das Echo hallte aus den Wellen wieder, verband sich mit dem Wind und drang als kräftiges Trommeln an sein Ohr zurück.  Es klang wie Salsa oder war es - Reggae?
Dadadadadadadidadadidadadidaada ...
Er verlor das Gefühl für Zeit und Raum und verschwand in seinen Erinnerungen.